Sport : Reich und ruhig

Trotz hoher Einnahmen aus dem Verkauf von Dzeko hält sich Wolfsburg auf dem Transfermarkt zurück

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Das böse A-Wort ist nun doch ausgesprochen worden. „In der Tabelle“, sagt Marcel Schäfer, „darf der Blick nach unten nicht fehlen. Die Gefahr ist da.“ Der Außenverteidiger, den Trainer Steve McClaren wohl zum neuen Kapitän bestimmen dürfte, spricht als einer der wenigen VfL-Spieler aus, was die Tabelle ohnehin verrät: Wolfsburg, 2009 noch Deutscher Meister, befindet sich in Abstiegsgefahr. Dass die Wolfsburger am Sonnabend zum Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga den FC Bayern München (15.30 Uhr) empfangen, macht die Situation nicht einfacher. Mit einer Auftaktniederlage läuft der Klub Gefahr, seinen enttäuschenden 13. Tabellenplatz noch zu unterbieten.

Dass Schäfer und seine Teamkollegen verbal und auch auf dem Platz mutiger werden, ist dringend notwendig. Denn nach dem Verkauf von Torjäger Edin Dzeko steht die Mannschaft vor dem Rätsel, wie sie ohne den Ausnahmekönner und adäquaten Ersatz für ihn erfolgreicher spielen soll als zuletzt. „Ein Vorwand für schlechte Leistungen, hinter dem sich die Mannschaft hätte verstecken können, ist weg“, findet Dieter Hoeneß. Der Vorsitzende der Geschäftsführung hatte nach einem langen Ringen dem Verkauf des unzufriedenen Dzeko für rund 35 Millionen Euro an Manchester City zugestimmt – auch um sich ein wenig Ruhe im Verein zu sichern.

Bisher ist kein Cent von diesem Rekorderlös reinvestiert worden. Hoeneß möchte ohne Eile neue Profis verpflichten, mit denen sich ein Aufbauprozess vorantreiben lässt. Der bestehenden Mannschaft hatte der VfL-Boss zum Ende der Hinrunde voller Wut bescheinigt, dass sie keine Zukunft hat. Wie motivierend das war, werden die Spiele gegen München, Mainz und Dortmund zeigen.

Wer in eine Mannschaft hineinhorcht, die mit Dzeko ihren besten Spieler verloren hat, sucht vergeblich nach Pessimismus. „Wir werden unseren Weg auch ohne Edin machen“, glaubt Arne Friedrich, der am Samstag nach einem auskurierten Bandscheibenvorfall sein Bundesliga-Comeback in der Innenverteidigung geben will. Dem Nationalspieler ist durchaus zuzutrauen, die zuletzt orientierungslose Mannschaft zu führen. Der zuweilen recht egoistische Brasilianer Diego kommt als Führungsspieler nicht in Frage. Typen wie Schäfer oder Friedrich sind besser geeignet. „Wir sind alle unzufrieden. Und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen“, sagt Friedrich. Der frühere Kapitän von Hertha BSC ist im vergangenen Jahr aus der Bundesliga abgestiegen und spricht heute von einer positiven Erfahrung. Friedrich will damit wohl sagen, dass er seitdem genau weiß, was er nicht noch einmal erleben möchte.

Warum der VfL Wolfsburg seit dem Dzeko-Transfer reich, aber doch verdächtig ruhig ist, lässt sich nur erahnen. Einen Neuaufbau, wie er Hoeneß vorschwebt, nimmt ein vernünftiger Fußball-Manager nicht während einer Winterpause vor. Dass es angedachte Verstärkungen wie Mark van Bommel (FC Bayern), Eljero Elia (Hamburger SV) oder Bryan Ruiz (Twente Enschede) bisher nicht über den Status von Gerüchten hinaus geschafft haben, mag verblüffen. Doch Hoeneß arbeitet an einer neuen Struktur, die langfristig Erfolg verspricht und die Rückkehr in den internationalen Fußball möglich machen soll. McClaren, der unter Druck geratene Trainer, bleibt bei seiner Einschätzung. „Wir brauchen nicht unbedingt neue, sondern die richtigen Spieler“, sagt der 49-Jährige. Noch wartet der Trainer, der nach dem peinlichen Scheitern im DFB-Pokal gegen Zweitligist Energie Cottbus kurz vor Weihnachten vor dem Rauswurf stand, auf von Hoeneß bewilligte Nachverpflichtungen. Vor allem im ehemals so vorzeigbaren Sturm, den der Brasilianer Grafite gegen den FC Bayern allein anführen muss, besteht Handlungsbedarf.

Hoeneß setzt dagegen zunächst auf eine Reaktion der bestehenden Mannschaft nach dem Abschied von Dzeko, auf eine Art Jetzt-erst-recht-Effekt also. Der ehrgeizige Manager möchte, so hat er es zum Start der Rückrunde mit Nachdruck formuliert, fortan Leistung, Leidenschaft und Siegeswillen sehen. Jede dieser Eigenschaften wäre ein Neuzugang, der nicht eingekauft wird, sondern aus einer ohnehin schon teuren Mannschaft erst wieder herausgekitzelt werden müsste.

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