Sport : Reif für den Ehren-Oscar

Bemerkenswerte WM-Tage in Münster – und nun soll es bei der Volleyball-Zwischenrunde in Riesa so weitergehen

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Von Felix Meininghaus

Münster. Der Wahnsinn nahm auf dem Parkplatz vor der Halle Münsterland seinen Lauf: Da wälzten sich am frühen Dienstagnachmittag junge Frauen übereinander, als hätten sie den Verstand verloren. Im benachbarten Hotel wurden die Gardinen zur Seite geschoben, um zu beobachten, wer da so ausflippt. „Die müssen gedacht haben, was sind das denn für Bekloppte?“, erzählte Angelina Grün am Abend.

Gefahr für die öffentliche Sicherheit hat zu keiner Zeit bestanden - den Tumult hatten Deutschlands Volleyballerinnen ausgelöst, die das zelebrierten, was Götz Moser, Vizepräsident des Verbandes, als „tschechisches Wunder“ herbeigesehnt hatte. Die Partie, in der die Nachbarn aus dem Osten Europas Schützenhilfe leisteten, indem sie Japan schlugen, hatten die deutschen Spielerinnen nägelkauend in der Halle verfolgt, auf dem Parkplatz am Handy oder im Hotelzimmer.

In der Halle selbst ging es hoch her, weil der Veranstalter kurzfristig Schulklassen herangekarrt hatte. Irgendjemand hatte ein paar hundert tschechische Fähnchen aufgetrieben, die von den Kids munter geschwenkt wurden. Es hat genutzt: Durch die günstige Konstellation des letzten Vorrundenspieltags und das abendliche 3:0 gegen Mexiko befinden sich die deutschen Volleyballerinnen bei der Weltmeisterschaft im eigenen Lande weiter im Rennen. Die Karawane ist inzwischen zur Zwischenrunde nach Riesa weitergezogen, wo Deutschland am Wochenende auf Holland, Brasilien und die USA trifft.

Was bleibt, ist eine Kulisse, wie sie Volleyball hierzulande in dieser Form noch nicht erlebt hat: 25000 Zuschauer an fünf ausverkauften Spieltagen. Italienprofi Angelina Grün war vom Flair an ehemaliger Wirkungsstätte so angetan, dass sie den westfälischen Fans am liebsten einen Ehren-Oscar verliehen hätte. „Das Publikum hat die Spiele hier geprägt“, sagte die 22-Jährige, „manchmal hätte ich am liebsten mitgeschunkelt.“

Auch in Riesa wird an drei Tagen eine volle Arena erwartet. Zudem ist die sportliche Konstellation nach der Last-Minute-Qualifikation günstig, weil das deutsche Team nicht wie erwartet auf China, sondern auf Brasilien als Sieger der Vorrundengruppe D trifft. Und die Südamerikanerinnen sind „inzwischen unser Lieblingsgegner“, sagt Zuspielerin Beatrice Dömeland. Anmaßend ist diese Einschätzung nicht, schließlich gelangen zuletzt beim Grand Prix vier Siege in fünf Partien. Und Holland, sagt Bundestrainer Hee Wan Lee, „müssen wir sowieso schlagen, wenn wir die Endrunde in Berlin erreichen wollen“.

Keine schlechten Perspektiven also, vor allem vor dem Hintergrund, dass in Bremen mit Russland, Italien und Kuba drei der Turnierfavoriten aufeinander treffen. Aber im Grunde sind die Deutschen in erster Linie froh, dass sie überhaupt noch mitschmettern dürfen im Kreis der Weltbesten. Ein weiterer Turnierverlauf ohne Beteiligung des Gastgebers wäre nicht nur für die Ausrichter fatal gewesen, sondern für die ganze Szene. Schließlich wäre die einmalige Chance vergeben worden, vor einer breiten Öffentlichkeit Werbung in eigener Sache zu machen.

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