Reifenprobleme : Dicke Luft in der Formel 1

Als der nach einem rätselhaften Reifenschaden verunglückte Ralf Schumacher längst zurück in der Heimat war, eskalierte in Indianapolis der Streit um die Pneus von Michelin.

Indianapolis (19.06.2005, 17:36 Uhr) - «Wir können die Sicherheit der Fahrer nicht garantieren», erklärten am Sonntag Motorsport-Direktor Pierre Dupasquier und Formel-1-Direktor Nick Shorrock in einem Schreiben an den Automobil-Weltverband FIA. Trotz ausgiebiger Tests und Analysen in der Nacht, habe der französische Reifenhersteller den Fehler nicht gefunden, der am Freitag zu dem schweren Unfall des Toyota-Piloten in Indianapolis geführt hatte, hieß es.

Den sieben Michelin-Teams Renault, BAR-Honda, Williams-BMW, McLaren-Mercedes, Sauber, Red Bull wurde beim Großen Preis der USA eine Goldene Brücke gebaut. Ein Einsatz der in der Nacht extra aus Europa eingeflogenen Ersatzreifen wurde von der FIA nicht ausgeschlossen. Obwohl in der Formel 1 seit dieser Saison nur noch ein Reifensatz für Qualifikation und Rennen pro Fahrer benutzt werden darf, ist eine Disqualifikation nach Ansicht von Renndirektor Charlie Whiting nicht zu erwarten. Allerdings solle es eine Strafe geben, «die hoch genug ist, damit kein Team in Zukunft in Versuchung kommt, einen Reifen nur für das Qualifying einzusetzen.» Das letzte Worte hätten die Rennkommissare, meinte Whiting.

Für den Grand Prix bot die FIA außerdem an, den problematischen linken Hinterreifen nach jeweils zehn Runden zu wechseln. So lange soll der Pneu laut Michelin halten. Dem Michelin-Vorschlag, die Geschwindigkeit in der für die Reifen problematischen Steilkurve durch den Einbau einer Schikane zu reduzieren, erteilte der Weltverband dagegen eine klare Absage. «Ich bin sicher, dass Sie verstehen, dass dies keine Möglichkeit ist», schrieb Whiting. Sein Rat an die sieben Michelin-Teams: Einfach langsamer fahren. Michelin beharrte allerdings auf diesem Vorschlag, so dass ein Startverzicht durchaus im Bereich des Möglichen lag.

Red-Bull-Pilot David Coulthard, einer der Direktoren der Fahrergewerkschaft, initiierte eine Unterschriftenaktion. Der Konkurrenzkampf der Reifenhersteller Bridgestone und Michelin solle nicht auf Kosten der Sicherheit gehen. In diesem Jahr fährt Michael Schumacher, dessen Ferrari-Team zusammen mit Minardi und Jordan von den Japanern ausgerüstet wird, auch wegen der Reifen hinterher. Der von der FIA ab dem Jahr 2008 gefordert Einheitsreifen würde diese Probleme lösen.

«Die Reifenlieferanten müssen sicherstellen, dass bei der Jagd nach Leistung keine Risiken eingegangen werden», stellte FIA- Präsident Max Mosley nach dem Unfall von Kimi Räikkönen auf dem Nürburgring fest. Beim Großen Preis von Europa war der McLaren-Pilot kurz vor dem Ziel mit einem Reifenschaden von der Piste geflogen. Das Team hatte die Warnsignale ignoriert.

Trotz der Reifenprobleme fuhren die sieben Michelin-Teams und vor allem Toyota in der Qualifikation mit Vollgas. «Michelin hat uns gesagt, dass die Reifen für die eine Runde sicher sind», sagte Toyota-Chefingenieur Dieter Gass. Ausgerechnet Ralf Schumachers Teamkollege Jarno Trulli war am Samstag auf dem Motorspeedway am schnellsten unterwegs und holte die erste Pole-Position überhaupt für das japanische Formel-1-Team.

«Wir hatten Probleme mit unterschiedlichen Reifentypen und unterschiedlichen Werten des Reifendrucks», berichtete der Italiener nach seiner Pole-Runde. Für die Michelin-Teams gab es im Training ein Kilometerlimit. Viele Piloten fuhren teilweise nicht durch die Steilkurve. Auf die neuen Regeln wurden die Probleme diesmal nicht geschoben.

«Wir haben definitiv noch Probleme mit den Reifen», sagte Ralf Schumacher, der am Samstag von FIA-Arzt Gary Hartstein ein Startverbot erhielt. «Theoretisch könnte ich fahren, aber die FIA hat entschieden, dass das Risiko zu hoch ist, mich fahren zu lassen», sagte der Toyota-Pilot. «Bei einem erneuten Unfall wären die Schäden ungleich größer. Auf dieser Rennstrecke, mit dieser Reifensituation, mit der du dich als Fahrer befassen musst, war es die absolut vernünftige und richtige Entscheidung», lobte Rekord-Weltmeister Michael Schumacher den neuen Formel-1-Arzt. Schließlich war sein Bruder schon vor zwölf Monoaten, ebenfalls in der Steilkurve und ebenfalls nach einem Reifenschaden, schwer verunglückt. (Von Volker Gundrum, dpa)

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