Sport : Reifeprozess im Ring

Hammerwerferin Betty Heidler hat viel dazugelernt – bei der EM in Barcelona will sie eine Medaille

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Das Logo ist nur so groß, dass man in vier Metern Entfernung den Aufdruck einigermaßen gut lesen kann: „Bundespolizei“. Betty Heidler hat es auf die rechte Seite ihrer Trainingsjacke genäht, in Brusthöhe. Bis vor kurzem war es eines der größeren Probleme der Sportlerin Heidler, Vize-Weltmeisterin im Hammerwerfen. Sechs Monate dauerte das Theater. Ihr Ausrüster (und Sponsor) wollte auch auf die Trainingsjacke, auch mit einem Logo. Aber allein, bitteschön. Nicht neben der Bundespolizei.

Da spielte die Polizei nicht mit. Deren Mitarbeiterin Heidler zieht ein wenig die Brauen nach oben, wenn sie über die Diskussionen redet. Verstehe das, wer will, kann man aus ihrer Mimik herauslesen. „Aber jetzt ist alles geklärt“, sagt sie.

Wieder ein Problem gelöst. Betty Heidler hat einige gelöst in letzter Zeit. Dass die Logo-Geschichte bereits zu den größeren zählte, ist bezeichnend. Sportlich läuft alles ziemlich rund im Moment. Die deutschen Meisterschaften gewann sie vor einer Woche mit 75,82 Metern, obwohl sie aus dem Training heraus geworfen hatte. Und bei den Europameisterschaften in Barcelona, die am Dienstag beginnen, will sie „mindestens eine Medaille“. Sie trägt eine riesige Sonnenbrille, das schützt ihre Augen vor der brennenden Sonne im Leistungszentrum Kienbaum, aber sie verbirgt damit auch ihre Blicke. Man kann nicht erkennen, wie ernst sie das meint. Aber man kann es hören. „Mit mir muss man rechnen“, sagt sie, ziemlich knapp, ziemlich selbstbewusst, ziemlich überzeugend.

Betty Heidler gehört zu den größten Medaillenhoffnungen der Deutschen. Neu ist das nicht, sie hat schon 2007 den WM-Titel gewonnen. Aber jetzt tritt Betty Heidler anders in den Ring als früher, gelassener, souveräner. Die Vize-Weltmeisterin Heidler macht nicht mehr die Fehler, die die Weltmeisterin Heidler gemacht hat.

Der Titel damals war zu groß für sie. Sie hatte die Medaille, aber nicht die Stärke, die Rolle auszufüllen. Die Ehrungen, Auszeichnungen und Schulterklopfer-Termine brachen über sie herein wie eine Flutwelle. Und die Weltmeisterin nahm jeden Termin begierig wahr, „ich wusste ja nicht, ob ich so etwas noch mal erleben würde“. Die Ehrungen bestimmten die Trainingszeiten. Betty Heidler fühlte sich unter Druck, wollte ihren Titel bestätigen, reagierte gereizt auf einen stumpfen Ring, auf unerwarteten Regen, auf Banalitäten, die sie nicht ändern konnte. Dann fiel sie ins Leistungsloch.

Jetzt, nach 2009 und ihrem WM-Silber, hat sie nur einen Termin abgesagt. Aber ihr Trainer Michael Deyhle verlegte keine einzige Trainingseinheit.

Sie ist jetzt 26, es ist eine normale Entwicklung, sie lernt dazu. Im Leben der Betty Heidler geschieht nichts auf Knopfdruck. Sie hat einfach begriffen, dass es sinnlos ist, sich von einem stumpfen Ring ablenken zu lassen. Inzwischen simuliert sie den psychischen Stress. Wenn Deyhle beim Training telefoniert zum Beispiel. Früher hätte sie ihm am liebsten das Handy aus der Hand gerissen. Jetzt befiehlt sie sich: „Lass ihn telefonieren, lass dich nicht ablenken.“

Die Vize-Weltmeisterin hat eine andere Ausstrahlung als die Weltmeisterin, das registrieren auch andere. Das Verkrampfte ist weg, sie wirkt authentischer. Ein Arzt des Deutschen Leichtathletik- Verbands empfahl Betty Heidler, als ein Pharmaunternehmen nach der WM 2009 bei ihm anfragte, wer ihre Produkte gut vermarkten könnte. Jetzt wirbt Betty Heidler für ein Mittel zur Regeneration.

Sie nimmt sich nicht so sonderlich wichtig, das gehört zu ihrer Ausstrahlung. Betty Heidler genoss die WM-Atmosphäre in Berlin als absolute Ausnahmesituation, sie wünscht sich mehr Aufmerksamkeit, sie erwartet sie aber nicht. Anerkennung, das ist für sie der Besuch des Ehepaars aus ihrem Nachbarort, das im Urlaub extra einen Abstecher aufs Herzogenhorn unternahm, weil es gehört hatte, dass Heidler dort gerade trainiert.

Aber der Höhepunkt war Werneuchen. Dort wohnen ihre Eltern, dort „hatte ich die schönste Feier nach meiner Silbermedaille“. Eltern, Nachbarn und Freunde feierten, ganz unprätentiös, im Hinterhof eines Getränkemarkts. Und mitten drin stand eine riesige Torte, liebevoll mit Zahlen dekoriert: 77,12 Meter. Ihre Weite von Berlin.

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