Sport : Reinreden verboten

Trainer Willi Reimann hat in Frankfurt seine eigenen Regeln

Frank Hellmann

Franfurt (Main). Dass der Mann noch nicht entlassen wurde, grenzt an ein kleines Wunder. Eintracht Frankfurt, jener launische Klub der Intrigen, Irrungen und Wirrungen, hat seit jeher Trainer verschlissen. Selbst in Zeiten, als sportlicher Erfolg erkennbar oder absehbar war. Doch für Willi Reimann gelten andere Gesetze. Als einziger Fußball-Lehrer der aktuell am Abstiegskampf beteiligten Klubs muss der 54-Jährige nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten.

Das liegt weniger an der festgeschriebenen Abfindung von 600 000 Euro, die sich der klamme Verein kaum leisten kann, als vielmehr an der Überzeugung und Bescheidenheit, die sich im Umfeld eingestellt hat. Der Kader zu Saisonbeginn genügte nur bedingt Bundesliga-Ansprüchen. Daher hielt sich der Unmut bei Niederlagen in Grenzen. Längst wird am Main eine Art von Fußball akzeptiert, die auf dem Prinzip harter Arbeit beruht. „Nur wenn alles passt, jeder über seine Grenze geht, und wir ganz geschlossen auftreten, haben wir eine kleine Chance auf den Klassenerhalt“, sagt Reimann stets.

Der gebürtige Hamburger, der seine beste Zeit als Linksaußen beim HSV hatte (Europapokalsieger 1977), redet wenig und selbst mit seinen Spielern nur das Nötigste. Wenn er, in einen dicken Anorak gehüllt, mit dem Fahrrad durch den Stadtwald vorausfährt, während die Profis bei der Laufeinheit hinterherhecheln, wird die Distanz zwischen Trainer und Spielern auch symbolisch deutlich. Im Herbst hätten die Dissonanzen beinahe zum offenen Bruch geführt. Reimann hatte nach dem 1:3 in Bremen einzelne Fans als „Ochsen“ tituliert, dazu wurde der Dissens zu Leistungsträgern über die zu vorsichtige Taktik offenkundig. Doch in dieser Situation öffnete sich Reimann, ging nach Diskussion in großer Runde auf einzelne Vorschläge ein, ohne von stoischen Überzeugungen abzugehen. „Er lässt sich bis heute von niemandem reinreden“, stellt Henning Bürger fest, der unter Reimann schon beim FC St. Pauli und 1. FC Nürnberg gespielt hat. „So einen Trainer änderst du nicht mehr.“

Vor allem hartnäckig ist er. Im Winter drängte er so vehement auf Verstärkungen, dass selbst dem neuen Vorstandschef Heribert Bruchhagen keine Wahl blieb. Ioannis Amanatidis, Ingo Hertzsch und Nascimento kamen. Es scheint, als habe man damit Volltreffer gelandet. Dennoch: Der Trainer sieht bis heute seine Arbeit zu wenig gewürdigt. Er, der seine Trainerkarriere zuvor aufgrund von Krankheit und Tod seiner Frau unterbrochen hatte, war doch mit einem in der Not zusammengeflickten Zweitliga-Kader aufgestiegen. Dass einige Spieler bis heute behaupten, der Coup sei eher „trotz statt wegen Reimann“ gelungen, ärgert ihn.

Die älteren Spieler haben sich längst an den eigenartigen Kauz gewöhnt. Reimann überlässt die Trainingseinheiten auch schon mal komplett Ko-Trainer Jan Kocian. Dann tritt er 90 Minuten lang wortlos als Augenzeuge auf. Wie ein Feldherr steht er regungslos mit verschränkten Armen am Rand. Wenn ihn wartende Journalisten fragen, geht er oft einfach weiter. Seinen Arbeitsplatz gefährdet auch diese Haltung kaum.

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