Reiten : Allein im Sattel bleiben: Skelton will Gold im Einzel

Nick Skelton ging mit dem britischen Springreiterteam bei Olympia stets leer aus. Nach Gold im Team will er nun vor dem eigenen Publikum auch im Einzel siegen.

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Nick Skelton feiert den Goldgewinn im Teamwettkampf.
Nick Skelton feiert den Goldgewinn im Teamwettkampf.Foto: dapd

Nick Skelton sah schon recht mitgenommen aus, als ihn die kräftige Fernsehfrau der BBC am Montag spätabends noch im Hinterzimmer eines Londoner Restaurants aufstöberte. Umgeben von den Teamkollegen Ben Maher, Scott Brash und Peter Charles hing der 54-jährige Skelton in einem hellbraun glänzenden Sofa, blickte mit leicht glasigen Augen Richtung Kamera und krächzte: „In meiner Karriere war ja schon ein bisschen was los. Und dass es nun hier in London passiert, das ist das Größte überhaupt.“

Das Größte im Leben des Springreiters Skelton, das war der Olympiasieg mit der Mannschaft vor tobendem Heimpublikum. Aber das könnte heute Nachmittag im Einzel (13 Uhr, ARD) eine weitere Steigerung erfahren. Fast drei Jahrzehnte war Skelton Mitglied meist hoch gelobter britischer Springreiterteams bei Olympia und ging stets leer aus. Nun ist er Anführer eines Gold-Quartetts, das einige schon abgeschrieben hatten.

Im Einzel-Finale geht es für alle Reiter zwar wieder bei null los. Doch nach drei Qualifikationsspringen lag Skelton in der Solowertung mit seinem Pferd Big Star an der Spitze, gleichauf mit den Niederländern Maikel van der Vleuten mit Verdi und Marc Houtzager mit Tamino. Die gute Qualifikation ist eine Eintrittskarte in den nächsten Showdown – bei dem er mit dem goldsüchtigen Heimpublikum im Greenwich Park eine verlässliche Unterstützergemeinde im Rücken haben wird.

Als es für Skelton und seine Mitstreiter am Montag ins Stechen gegen die Niederländer ging, machten die 23 000 Zuschauer zwischendurch solchen Lärm, dass der Stadionsprecher wiederholt mit Nachdruck um Ruhe bitten musste. „Das Publikum ist überragend – das beste, das ich je gesehen habe“, sagte Peter Charles, der mit seinen 52 Jahren schon einiges erlebt hat.

Olympia-Fieber in London

Olympiafieber in London
Prinz Harry (mitte) sowie der ehemalige Premier John Major (unten rechts) feiern den Goldmedaillegewinn des schottischen Radsporthelden Chris Hoy.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Reuters
06.08.2012 10:54Prinz Harry (mitte) sowie der ehemalige Premier John Major (unten rechts) feiern den Goldmedaillegewinn des schottischen...

Der Springreiter aus Liverpool wechselte 1992 die Nationalität, startete fortan für Irland, änderte seinen Status 2007 erneut und sitzt nun wieder für Großbritannien im Sattel. Nach dem ersten britischen Mannschaftsgold seit 1952, der ersten Medaille nach 28 Jahren olympischer Dürre überhaupt, ernannte ihn die Londoner Presse zu „Prinz Charles“. Sehr passend zu der im britischen Königshaus gepflegten Pferdesportbegeisterung, welche die Königsfamilie gerade besonders gern zur Schau trägt.

Im Gegensatz zu Steven Patrick Morrissey. Auf seiner Webseite „True To You“ ätzte der ehemalige Sänger der britischen Band „The Smiths“ vor wenigen Tagen darüber, die „blendenden Royals“ hätten die Spiele für ihre eigenen Bedürfnisse „entführt“. Er jedenfalls könne sich das olympische Theater nicht ansehen, schrieb Morrissey. Er will im aktuellen Tonfall, der sich quer durch die britischen Medien zieht, gar den Geist von Nazi-Deutschland entdeckt haben.

Reiten und jubeln werden seine Landsleute heute trotzdem wieder. Mit Frontmann Nick Skelton, der Olympia 2000 verpasste, weil er sich den ersten Halswirbel an zwei Stellen gebrochen und seine Karriere schon beendet hatte.

Verhindern wollen das zwei Paare aus Deutschland, die gerade frischen Mut geschöpft haben: Marcus Ehning mit Plot Blue und Meredith Michaels-Beerbaum mit Bella Donna. Beide haben das Sonntagstrauma mit dem Team überwunden, rissen tags darauf in der dritten Qualifikationsrunde keine Stange – und wollen den nationaltrunkenen Briten zum Abschied aus London noch ein bisschen auf die Nerven gehen. „Wir haben beide unsere Erfahrung ausgespielt“, sagte Ehning, der am Montag ebenso Zuversicht versprühte wie die gebürtige Kalifornierin Michaels-Beerbaum. Sie sagte nach dem fehlerfreien Ritt auf ihrer Stute zweisprachig: „Einzelfinale – here we are!“

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