Reiten : Auf dem Sprung

Es geht um den Ruck im Instinkt, das winzige Flattern im Gefühl, das sagt: Jetzt! Und flieg! Meredith Michaels-Beerbaum, Springreiterin, bekommt das besser hin als andere – nur die Goldmedaille fehlt ihr noch.

Christine-Felice Röhrs
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Ist die Hürde zu hoch? Meredith Michaels-Beerbaum steht unter Druck.Foto: AFP

Seit dem Montag ist erst mal alles anders. Nun ist der Druck noch höher auf die Favoritin und das Superpferd. Sie haben keine Medaille geholt. Sie haben stattdessen 14 Fehlerpunkte. Die anderen waren noch schlechter. Am Ende des Tages sind die deutschen Springreiter seit 1992 in der Mannschaftswertung zum ersten Mal ohne Medaille. Sie sind nicht einmal alle unter den besten 35, gerade eben so dürfen die Favoritin, das Superpferd und zwei der drei anderen Mannschaftsmitglieder heute im Einzel-Finale antreten.

Was ist da schiefgelaufen?

Kurz vor Olympia, zu Hause, hatte die Favoritin noch leise gesagt: „Ich bin sehr ernst mit mir, wenn ich Fehler mache. Ich schlafe dann nicht mehr.“

Damals ist die Welt noch heil und die Favoritin guter Laune.

An jenem Morgen trainiert Meredith Michaels-Beerbaum draußen. Der Reitplatz liegt unter bewegten Bäumen, Wolken ziehen schnell übers Hinterland von Bremen. Die beste Springreiterin der Welt wohnt in Thedinghausen nahe Verden an der Aller, man fährt da über Morsum-Wilmstorf. Das Superpferd ist überraschend klein. Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly legen los, im Trab über den Reitplatz.

Es sieht nicht schön aus. Das Pferd hat den Kopf oben, was es nicht soll, und die Reiterin kippt nach vorn. Ihre Arme spreizt sie vom Körper wie ein Cowboy. Ein Reitlehrer würde ihr jetzt hinterherbrüllen, „aufrichten, Ellbogen ran!“ Aber das – und einiges andere – ist eben, was sie an die Spitze gebracht hat. Meredith Michaels-Beerbaum ist die erste Frau im deutschen Kader und nicht nur das.

Sie ist auch dabei, den Randsport Springreiten über die dritte oder vierte Sportseite hinauszuführen. Wenn sie reitet, dann drücken sich die Leute vor den Fernsehern bei jedem Sprung mit den Beinen vom Sofa ab, als müssten sie sie persönlich drüberhieven. Wenn sie reitet, steigen die Einschaltquoten. Es ist gerade für Deutschland eine besondere Karriere, wo der Springsport lange etwas Männerbündisches hatte, die unterschwellige Arroganz der Kavalleristen. HG Winkler, großer alter Herr des Springreitens, so wird kolportiert, soll noch vor ein paar Jahren gesagt haben, die kommt mir nicht in die Equipe. Heute spricht er voller Hochachtung von Michaels-Beerbaum.

Aber nun führt sie ja auch die Weltrangliste an, ist gleichzeitig Weltcupsieger, Europameister und Deutscher Meister, und allein in den ersten sieben Monaten des Jahres hat sie 564 850 Euro Preisgeld gewonnen. Bisher konnte im Reitsport kaum jemand allein vom Preisgeld leben.

Es ist die Frage, was sie anders macht als die anderen. Was ist da im Gange?

Meredith Michaels-Beerbaum sagt es so: „Shutterfly ist ein hoch intelligentes Superpferd. Ich reagiere unheimlich auf ihn und er auf mich.“ Pferdeflüsterei, nein, das sei Kitsch. Aber etwas sei da. Schwer zu erklären. Ein Versuch: „Meine Mutter hat immer gesagt, du musst jemanden heiraten, der auf dich aufpasst, wenn du schläfst. Wie in einem …“ – sie sucht kurz nach dem Wort – „… so einem Graben im Krieg. Du schläfst, und der andere hält Wache. Ich habe so einen Mann, aber ich habe auch so ein Pferd. Shutterfly passt auf mich auf, und er würde nie aufgeben.“

Draußen auf dem Reitplatz unter den Bäumen ist nun der Galopp dran. Shutterfly hat den Kopf immer noch nicht unten, und Michaels-Beerbaum lässt die Zügel so lang, dass ein Reitlehrer vermutlich wieder herumbrüllen würde. Der Bundestrainer hütet sich mittlerweile, seinem Goldkind die „Fehler“ auszutreiben.

Meredith Michaels-Beerbaum, die Kalifornierin mit der deutschen Staatsbürgerschaft, hat sich einen eigenen Stil zusammengestoppelt. Sie nennt ihn ihren „deutsch-amerikanischen Mischmasch“. Zum Beispiel: In Amerika bleiben die Zügel lang, und der Reiter macht sich leicht. In Deutschland, sagt Michaels-Beerbaum, habe sie außerdem gelernt, „schwer zu sitzen“, das Pferd „an den Zügel zu reiten“, es „ans Bein zu bringen“, kurz: es zu kontrollieren mit Zügel-, Bein- und Gewichtshilfen.

Reiten habe mit Dominanz zu tun, steht in den Lehrbüchern. Der Reiter müsse immer der Boss sein, sonst habe er keine Chance gegen so viel Tier. Meredith Michaels-Beerbaum findet das nicht. Es gibt Momente im Parcours, da will sie nicht, was sonst alle Reiter wollen: dass das Pferd „bei ihr“ ist. Sie will ihm Tempo geben, Rhythmus, aber dann, vier Galoppsprünge vor dem Hindernis, soll es nur noch seinen Instinkten folgen.

Dass es auch gefährlich ist, für einen Moment den Instinkten das Spiel zu überlassen, wenn es um die Instinkte von 700 Kilo Tier geht und um ein ziemlich kleines Gehirn, daran denkt Michaels-Beerbaum einfach nicht mehr, sagt sie. Sie hat beschlossen, keine Angst mehr zu haben. Das Springen ist nicht für Ängstliche. Man braucht die Reflexe und die Schmerztoleranz eines Boxers. Pferde sind vor dem Sprung bis zu 55 Stundenkilometer schnell und Reiter im Sprung oft drei Meter über dem Boden. Vor einem Monat ist sie das letzte Mal runtergeflogen.

Nach dem Reiten hat sie sich ins Büro gesetzt, ein flaches Häuschen im Dreieck zwischen Halle, Weiden und Stall. Von hier aus führt sie zusammen mit ihrem Mann Markus Beerbaum, kleiner Bruder des berühmten Ludger, das Unternehmen: Pferdehandel, Boxenvermietung, Seminare, ein Netz für Zeiten ohne Siege. Die Wände sind holzgetäfelt, zwei Schreibtische stehen sich gegenüber. Infoblätter liegen da, „zur mentalen Vorbereitung auf Olympia“. Da steht, dass es in Hongkong heiß und feucht sein wird.

Mentale Vorbereitung geht eben nicht mit Merkblättern. Sie geht nur im Kopf. Michaels-Beerbaum hat ein Bein hochgezogen und das Kinn auf dem Knie abgelegt. Sie spricht jetzt von einer anderen Art Angst. Die Angst, in Olympia keine Medaille zu gewinnen. Die hat mit körperlichem Mut nichts zu tun, deshalb lässt sie sich nicht so leicht verscheuchen. Sie, die zum ersten Mal dabei ist, tritt gleich als Favoritin an – noch vor Schwager Ludger Beerbaum, der schon vier Goldmedaillen hat. Sie sagt, „ich bin gerne Favoritin“. Und der Bundestrainer sagt, sie sei Perfektionistin. Aber das Perfektionistendasein macht auch das Versagen schlimmer.

Was die Nervosität nicht besser macht: Es kommt ja hier nicht nur auf sie an. In Hongkong ist es ungewohnt warm, und Shutterfly Superstar ist ein Sensibelchen. Die Pflegerin füttert seit Monaten Salz zu, damit er mehr trinkt, Wasser speichert, um dann im Parcours „etwas zum Abschwitzen“ zu haben.

Immerhin: Es geht um ein Pferd, das heute rund fünf Millionen Euro wert sein soll. Als Michaels-Beerbaum es 1999 von Sponsoren zum Trainieren bekam, galt es noch als „schwierig“. Es ist immer noch so schreckhaft, dass die Pflegerin ihm in der Sylvesternacht zur Beruhigung Musik ans Ohr hält. Michaels-Beerbaum nennt Shutterfly „mein Kind“.

„Klein, süß und blond“, so hieß mal die Überschrift einer Zeitungsgeschichte über sie. „Echt?“ Meredith Michaels-Beerbaum lacht auf. Es ärgert sie nicht. Sie weiß, es ist ein Segen, klein, süß und blond zu sein, wenn die Konkurrenten groß, hager und rot im Gesicht sind. Trotzdem ist da etwas an ihr. Ein Journalist hat es mal als eine „Aura der Unnahbarkeit“ beschrieben, „die private Fragen abwehrt wie ein Schutzschild“, aber das ist es nicht. Eher so: Meredith Michaels-Beerbaum löst Skrupel aus. Man spürt ein Widerstreben, ihr mit unangenehmen Fragen auf die Pelle zu rücken, weil sie doch so nett ist! Das ist eine sehr nützliche Eigenschaft. Zum Ende des Gespräches hat man es sogar versäumt, sie auf den „Dopingskandal“ anzusprechen, der ihr die letzte Olympiateilnahme verdorben hatte. Damals waren in Shutterflys Blut Abbauprodukte eines Beruhigungsmittels gefunden worden. Später wurde sie freigesprochen – angeblich wegen Fehlern im Verfahren. Der Vorfall selbst schien nicht geklärt.

Machte eh nichts. Ihr Fanclub hat sich damals sprungartig vergrößert. Kartonweise kamen Briefe, in denen stand, „wir glauben an deine Unschuld“.

Ihre Natürlichkeit ist Teil ihrer Anziehungskraft. Sie weiß das. Und betont es. Es ist trotz der deutschen Staatsbürgerschaft, die sie 1998 angenommen hat, eine sehr professionelle, sehr amerikanische Art der Selbstinszenierung: das frische Girl aus California, das hart arbeitet für den Erfolg. Der Pursuit of Happiness hinter Bremen.

Angefangen hat das alles vor genau 30 Jahren, da war das Girl acht. Es ritt damals beim Thanksgiving-Turnier in Santa Barbara mit, es war sein erstes im Leben, und natürlich hat es gewonnen. Der Vater war Filmproduzent, aber das Mädchen wollte damals nicht etwa Schauspielerin werden – angeblich wollte es Präsidentin der USA werden, so ein Kind war es. Später hat Meredith Michaels noch drei Semester Politik studiert, aber dann schickte ihr Trainer sie nach Deutschland, ins Springsportland, zum Lernen. Paul Schockemöhle wurde ihr Lehrer. Auf Turnieren lernte sie andere junge Reiter kennen, in Markus Beerbaum hat sie sich verliebt, 1998 war Hochzeit.

Zu der Zeit hatte der Sport schon begonnen, sich zu verändern. 15 Jahre früher hätte auch eine Michaels-Beerbaum vermutlich noch keine Chance gehabt.

Denn 15 Jahre zuvor, sagt der ARD-Reitsportexperte Carsten Sostmeier, „waren die Sportpferde noch um einiges größer und schwerer und damit härter zu kontrollieren“. Heute stünden sie „höher im Blut“, sagt er, was bedeutet, dass mehr Vollblüter in der Zucht sind. Das macht Pferde wacher, wendiger, aber auch zierlicher, also beherrschbarer für Frauen. Und auch die Parcours sehen anders aus. Für sie muss man präzise sein, nicht stark. Früher bestand ein Parcours eher aus einer Aneinanderreihung von Einzelsprüngen. Heute müssen die Reiter Kombinationen absolvieren wie Tanzchoreografien. Rhythmus ist wichtig. Erwischt man das erste Hindernis nicht gut, sind gleich die nächsten drei in Gefahr.

Es ist wichtig geworden, den Platz vorher abzulaufen und Galoppsprünge zu zählen. Man muss Hindernisart, Flugkurvenverlauf und Springverhalten des Pferdes in Verbindung bringen. Es gibt Faustregeln. Die dichteste Absprungdistanz bei Steilsprüngen entspricht etwa der Höhe des Hindernisses. Aber eigentlich ist es eher, wie im richtigen Moment eine Feder zu spannen. In sich. Im Pferd. Es geht um den Ruck im Instinkt, das winzige Flattern im Gefühl, das sagt: Jetzt! Und flieg! „Wenn das gelingt … Das ist das schönste Gefühl“, sagt Michaels-Beerbaum.

Die Mutter hat ihr neulich aus Amerika eine Collage geschickt, die sie als Kind gebastelt hatte. Sie springt auf, läuft hinüber ins reetgedeckte Wohnhaus und kommt mit einem Büchlein wieder. Es handelt von ihr, ist gerade erschienen. Wenn pünktlich zu einem großen Turnier Fanbücher erscheinen, weiß man, dass man es geschafft hat. Die Collage ist im Bilderteil abgedruckt. Michaels-Beerbaum schlägt die Seite auf und lacht. Damals – „das muss ’78 gewesen sein“, sagt sie – hat sie aus einer Zeitschrift das Bild einer Springreiterin herausgerissen, die über ein hohes Hindernis fliegt, und in Kinderschrift daruntergekrakelt: „Meredith Michaels wining the olympics …“

30 Jahre später ist sie da.

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