Reitsport : Ein Pferd und seine Signale

Der berühmte Hengst Overdose soll weitere Spitzengalopper in seine neue Heimat Hoppegarten locken.

von
Overdose
Immer vorneweg. Overdose gewann im April 2009 unter Christophe Soumillon den Großen Preis von Ungarn in Budapest. -Foto: AFP

Wenn Overdose in der Nacht kräftig wiehert, kann das Sandor Ribarszki im Bett sehr gut hören. Nur zwei Türen von der Box des fünfjährigen braunen Hengstes entfernt hat der ungarische Trainer derzeit sein Notquartier eingerichtet. „Wir werden bald in ein gemietetes Haus in Neuenhagen ziehen“, sagt der 47-Jährige, „aber im Moment geht es nicht um mich, sondern um die Pferde.“ Und da vor allem um jenen Overdose, dessen Ankunft in der Nacht zum Dienstag nicht nur den Besitzer der Galopprennbahn in Hoppegarten, Gerhard Schöningh, in Euphorie versetzt hat. „Es zeigt sich, dass sich die Investitionen in die Trainingsbahnen mit den jetzt in Deutschland einmaligen Möglichkeiten gelohnt haben“, erklärt der in London lebende ehemalige Fondsmanager.

Zwar ist Ribarszki nur mit zwölf Pferden angereist, nachdem er zuvor als achtmaliger ungarischer Trainerchampion in der Heimat 70 Vierbeiner im Stall hatte, aber eben jener Overdose ist kein Rennpferd wie jedes andere. „Um ihn rankt sich eine besondere Geschichte, die der des Tellerwäschers, der zum Millionär wurde, sehr nahekommt“, sagt der Friesländer Züchter Heinrich Schäfer, der Ribarszki beim Einleben in Deutschland unterstützt. Overdose, den 2005 bei den Newmarket Sales in Großbritannien zunächst niemand haben wollte und der dann im zweiten Anlauf für 2500 Euro vom Slowaken Zoltan Mikoczy erworben wurde. Overdose, der dann 2007 seine Rennkarriere begann, mittlerweile nach zwölf Rennen noch unbesiegt ist, genau 187 583 Euro gewann und mit einem Generalausgleichsgewicht (GAG) von 100 zu den Stars in der internationalen Galoppszene gehört. Overdose, der Sprinter, über den nicht nur die renommierte „Racing Post“ ausführlich berichtet hat, den nun Bezeichnungen wie Wunderhengst, Geschoss von Budapest oder Sprint-Ass begleiten. Berühmt geworden ist der Starborough-Sohn auch durch seinen Galoppstil, indem er häufig von Rechts- auf Linksgalopp wechselt, was normalerweise erst bei einem ermüdeten Pferd in der Endphase eines Rennens üblich ist. Experten fragen sich, wie er dennoch auf etwa 65 km/h kommt und sehen darin sogar einen möglichen Grund für seine Erfolge.

„Dass dieses Pferd nun bei uns trainiert wird, ist ein sehr positives Signal“, sagt Hoppegarten-Geschäftsführer Andreas Neue. Schließlich wäre Sandor Ribarszki mit diesem Pferd überall mit offenen Armen aufgenommen worden. Nun träumt man in Hoppegarten bereits von einem Rennen mit Overdose, das garantiert tausende Fans anziehen würde. Ribarszki, dessen Frau mit den Zwillingen noch in Budapest weilt, hofft vor allem „auf neue Besitzer aus dem Großraum Berlin“, die durch Overdose auf seine Qualitäten als Trainer aufmerksam werden. Rund 30 Boxen sind bei ihm derzeit noch leer. Aber allein seine Philosophie sollte vielen gefallen. „Das Pferd hat das letzte Wort“, sagt er und meint damit, es ginge ihm nicht um den schnellen Erfolg. So sei Overdose ein Tier, dessen Arbeitseifer er bewusst bremse. So wird er die „Überdosis“ erst wieder an den Start bringen, wenn sie ihr durch einen Hufschmied verursachtes Hufproblem völlig auskuriert hat.

In seinem Stall gleich hinter der Trainierbahn fühlt sich das Starpferd, das 2008 in Ungarn zum Sportler des Jahres gewählt wurde – nicht wie sonst üblich ein Mensch –, offensichtlich sehr wohl. Dazu trägt auch bei, dass mit Barbara Budinszki, die den Hengst von Anfang an wie ihr Kind behandelt hat, seine ständige Pflegerin und Arbeitsreiterin mit nach Hoppegarten gekommen ist. Auch sie lebt derzeit noch in dem modernen Stallkomplex. Wenn sie Overdose wiehern hört, ist das für sie „wie eine kleine Nachtmusik“.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben