Sport : Rekord auf einem Bein

Paralympics-Athlet Michael Milton will der schnellste Skirennläufer der Welt werden

Annette Kögel[Turin]

Der Mann erreicht beinahe die Geschwindigkeit eines Flugzeugs, wenn es abhebt: 210 Kilometer pro Stunde. Und das auf einem Bein, mit nur einem Brett. Michael Milton kommt aus Australien, ist Weltrekordhalter im Extrem-Speedskifahren und Teilnehmer der alpinen Wettkämpfe bei den Paralympics 2006 in Italien.

Michael Milton hat seine Krücken an den Rand der Rennstrecke in Sestriere gestellt. Sein rechtes Bein ist dick wie ein Baumstamm, und sein Gleichgewicht findet der 32-Jährige auch so. In den Rollstuhl will er nicht, er mag es nicht, wenn alle auf ihn herunterschauen. „Das Bein haben sie mir amputiert, als ich neun Jahre alt war“, sagt der in Canberra geborene Extremskifahrer. Mit neun war er an Knochenkrebs erkrankt, acht Monate lang musste er eine Chemotherapie über sich ergehen lassen. Erfolglos. „Ich bin in einer Skifahrerfamilie aufgewachsen“, erzählt Milton. „Ich war schon mit drei Jahren auf der Piste. Als sie mir dann nach der Operation ein Video von einem einbeinigen Skifahrer zeigten, war für mich klar: Das will ich auch.“

Heute ist er ein Star bei den Paralympics, der ständig Autogrammwünsche erfüllen muss. Kaum einer hat in seiner Karriere so viele Medaillen geholt wie der 32 Jahre alte Athlet. 1988 war er im Alter von 14 Jahren das erste Mal bei Paralympischen Spielen dabei und ging in Innsbruck an den Start. 1992 holte er in Albertville die erste Goldmedaille für Australien bei Winterspielen überhaupt, sowohl bei Olympischen als auch bei Paralympischen.

Inzwischen hat Michael Milton elf Medaillen bei den Paralympics und zwölf bei Weltmeisterschaften geholt. Am Samstag sicherte er sich die Silbermedaille in der Abfahrt, die der Deutsche Gerd Schönfelder gewann. Für Milton zählt der zweite Platz angesichts der Bedingungen in Sestriere fast schon wie ein Olympiasieg. „Hier ist es diesmal schwieriger“, sagt er. Um die Rennen für die Zuschauer zu vereinfachen, wurde die Zahl der Startklassen reduziert. Früher trat Milton ausschließlich gegen Sportler an, die ähnliche Behinderungen haben wie er. Jetzt treffen bei Abfahrt, Slalom, Riesenslalom und Super G alle stehenden Athleten aufeinander. „Ich fahre also mit meinem einen Bein gegen Leute, die zum Beispiel beide Beine haben, aber keinen Unterarm mehr“, sagt Milton. „Es gibt zwar ein Prozentesystem, das da einen Ausgleich schaffen soll, aber wir Sportler finden das irgendwie ungerecht.“ Außerdem ist Michael ein Gleiter, ihm liegt solch eine steile Strecke wie in Sestriere eher weniger. Doch es sollen ohnehin seine letzten Spiele sein. „Nach Turin will ich mich auf Bergsteigen spezialisieren, man wird ja auch nicht jünger“, sagt Milton lächelnd. Gerade hat er mit seiner Schwester auf Krücken den Kilomandscharo erklommen.

Wenn er nicht Sport treibt, ist er als Motivationstrainer bei Firmen unterwegs oder geht in Schulen und Krankenhäuser, um krebskranken Kindern Mut zu machen. Nach den Paralympics fliegt er für zwei Tage kurz zurück nach Australien, dann steigt er in die Berge nach Papua-Neuguinea und anschließend wieder nach Europa zum Training. Beim vergangenen Hochgeschwindigkeitsrennen in Les Arces hat er mit 210 Kilometern pro Stunde den Weltrekord aufgestellt. Der Spitzenwert von einem nicht behinderten Sportler liegt nur zwei Stundenkilometer höher. „Den Rekord will ich jetzt im April knacken“, sagt Milton.

Dass manche Menschen Behindertensport immer noch belächeln und sich mit dem für manchen ungewohnten Erscheinungsbild von gehandicapten Athleten anfreunden müssen – darüber sieht der 32-Jährige souverän hinweg. „In meiner Heimat ist das kein Thema mehr, die Australier lieben Sport und bewundern Athleten mit Handicap. Da habt ihr Europäer wohl noch Aufholbedarf“, sagt Milton und schnallt den Ski wieder an. „Letztlich geht es hier doch nur um ein Bein. Und das hat mich im Leben noch nie davon abgehalten, etwas zu tun.“

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