Relegation: Cottbus - Nürnberg : Die Lausitz will am Ball bleiben - mit Energie

Energie Cottbus spielt heute und am Sonntag gegen den 1. FC Nürnberg um den Verbleib in der Bundesliga. Ein Sieg wäre besonders in dieser Region auch ein Symbol gegen die Krise.

Sandra Dassler[Cottbus]
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Mitfiebern. Die Cottbuser stehen hinter ihrem Verein - egal, wie es ausgeht.Foto: ddp

Dieter Friese ist ziemlich verzweifelt. Und hin- und hergerissen zwischen seinen großen Leidenschaften – dem Fußball und dem Theater. Beiden frönt der charismatische Landrat des Kreises Spree-Neiße mit Hingabe, aber heute muss er sich entscheiden: Wenn das erste von zwei Relegationsspielen, mit denen sein Heimatverein Energie Cottbus noch den Klassenerhalt in der 1.Bundesliga schaffen kann, angepfiffen wird, sitzt Friese nicht im Stadion der Freundschaft.

„Das ist bitter für mich“, sagt der 60-Jährige, „aber die Probe kann ich nicht verpassen. Bin ja froh, dass die mich mitspielen lassen.“ Die, das sind die Schauspieler des Cottbuser Staatstheaters, die heute ihre Hauptprobe zur „Spreewälder Sagennacht“ haben, die Pfingsten vor Tausenden Zuschauern in Burg aufgeführt wird.

Das 2008 mit dem Tourismuspreis des Landes ausgezeichnete Spektakel erzählt die Geschichte der kleinen slawischen Stämme, die sich vor tausend Jahren gegen die Christianisierung zur Wehr setzten. Landrat Friese spielt Albrecht den Bären, einen Berater des Schwarzen Ritters, und da dieser einer der wichtigsten Bösewichter ist, muss er auf das heutige Hinspiel gegen Nürnberg verzichten.

Sein Platz im Stadion der Freundschaft wird allerdings nicht leer bleiben. Bereits am Montag standen die Cottbuser nach Karten an den Stadionkassen an. Auch vor dem Energie-Fanshop in der Altstadt bildete sich eine lange Schlange. „Ich habe schon nicht mehr an den Klassenerhalt geglaubt“, sagt eine 70-jährige Frau. „Aber nun müssen wir alle unsere Elf unterstützen. Wir sind schließlich der letzte und einzige Ost-Klub in der Bundesliga.“

Die Begeisterung für die Relegationsspiele ist groß. Auch beim slowenischen Trainer Bojan Prasnikar. „Wir spielen nicht Uefa-Cup und nicht Championsleague“, sagt er: „Und nun haben wir trotzdem zwei Spiele mit ähnlichen Regeln.“

Die Regeln heißen: Alles oder nichts! – und genau das ist es, was die Cottbuser und viele Leute in der Niederlausitz offenbar so lieben. Nicht den mühsamen Kampf während der Saison mit hier mal einem Heimsieg und dort mal einem Punkt auswärts, sondern wieder mal ein „Herzschlagfinale“. Dieser Enthusiasmus spült dem Verein noch einmal richtig Geld in die Kasse, schon am Dienstag hieß es, das Stadion sei ausverkauft. Und das, obwohl das Fernsehen die Spiele live überträgt.

Die ganze Saison lang hatte es der Verein, abgesehen von Top-Spielen wie gegen Bayern, nur mit Sonderaktionen geschafft, die Ränge leidlich zu füllen. Mal gab es Studententickets für zwei Euro, mal ermäßigte Karten für Frauen und Kinder. 22 528 Menschen ins Stadion zu bekommen, ist nicht leicht für eine nicht mehr ganz 100 000-Einwohnerstadt.

Landrat Friese, der im Verwaltungsrat von Energie sitzt, weiß, was Erstliga-Fußball für die Region bedeutet. „Energie ist nicht nur das beste Marketing für die Lausitz“, sagt er: „Energie ist auch ein Symbol dafür, wie man mit wenig Geld und viel Kampf eine Menge erreichen kann. Das ist wichtig für das Selbstwertgefühl der Menschen hier – gerade in Krisenzeiten.“

Der Landrat denkt dabei auch an die ungewisse Zukunft vieler Firmen der Region – eine der größten, der Textilhersteller Trevira in Guben, ist gerade in einer schwierigen Situation. Auch in Cottbus selbst ist die Lage nicht rosig. Die großen Hoffnungen, die viele in den neuen Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) setzten, haben sich nur zum Teil erfüllt. Zwar ist die Universität jetzt zumindest verkehrstechnisch besser in die Stadt eingegliedert, aber mehr Jobs oder nennenswerte Neuansiedlungen von Unternehmen gibt es nicht. Das erst vor zwei Jahren eröffnete Freizeitbad ist insolvent, die Umstrukturierung von Vattenfall beschert der Stadt Verluste an Steuereinnahmen in Millionenhöhe (Kasten unten). Immerhin unterstützt Vattenfall Energie, allerdings ist der Verein auf der Suche nach einem neuen Hauptsponsor. Da der Vertrag mit Envia ausgelaufen ist, hat Energie die Agentur von Günter Netzer eingeschaltet. Der erging sich in Lobeshymnen auf den „mutigen und kampfstarken“ Ostverein, ein neuer Hauptsponsor ist aber bislang noch nicht gefunden.

So wird den Cottbusern nichts anderes übrig bleiben, als auf die eigene Kraft zu vertrauen. Der Verein hat dadurch viel an Professionalität gewonnen, was auch die Organisation der kurzfristig angesetzten Relegationsspiele zeigt: Nicht nur der Kartenverkauf verlief reibungslos, es wurde auch rasch ein Sonderzug für das Rückspiel am Sonntag in Nürnberg organisiert. 850 Fans werden mit ihm fahren, tausende andere mit den Autos.

Dieter Friese aber kann auch in Nürnberg nicht dabei sein. Die „Spreewälder Sagennacht“ wird sowohl Sonnabend als auch Sonntag und Montag aufgeführt. Vielleicht kann der Landrat während der heutigen Probe aber doch noch einen Blick auf den Rasen werfen. Da in Cottbus Fußball- und Schauspieler seit jeher zusammenhalten, hat das Staatstheater kurzerhand ein Stummfilm-Konzert um zwei Stunden verschoben. Statt „Lichter der Großstadt“ können die Cottbuser hier ab 18 Uhr das Spiel auf einer Leinwand verfolgen. Kostenlos, versteht sich. Und so ist – wie der Kampf um den Klassenerhalt auch ausgehen mag – in Cottbus heute mal wieder ganz großes Theater.

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