Sport : Reminiszenz an ein Wunder

Martin Hägele

Es gilt derzeit als das größte Geheimnis der Vereinigten Staaten, nicht einmal Präsident Bush ist eingeweiht. Nur drei oder vier Männer, allesamt Mitglieder des inner circle beim TV-Giganten NBC wissen Bescheid. Selbst der oder die, vielleicht sind es im Reese-Stadion von Salt Lake City zum ersten Mal sogar mehrere Personen, die das olympische Feuer entzünden dürfen, kennen ihre Rolle noch nicht.

Denn jener Augenblick, so schreibt es das gemeinsame Drehbuch von Sport und Unterhaltungsindustrie vor, muss der erste Höhepunkt der Spiele werden. Er muss die Menschen in aller Welt rühren, er muss ihnen ans Herz gehen, und am schönsten für die Planer des emotionalen Spektakels wäre es, wenn noch einmal rund um den Globus Millionen Menschen heulen würden: So wie vor sechs Jahren in Atlanta, als Muhammad Ali, der einmal der größte aller Boxer gewesen war, auf zittrigen Beinen und mit kindlichen Tippelschritten die Treppe zur großen Feuerschale hinauflief. Wohl nie zuvor ist der widersprüchlichste und lauteste Sportheld Amerikas mehr respektiert und bewundert, ja sogar geliebt worden als in jenen ein bis zwei Minuten, da er sich vor einem Milliarden-Publikum als Parkinson-Kranker offenbarte.

Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen Ein solcher Coup lässt sich nicht wiederholen. Es gibt eben nur einen Muhammad Ali auf der Welt, und die Tatsache, dass die Spiele im Winter stattfinden, schmälert die Auswahl unter den Athletinnen und Athleten beträchtlich. Dass im Innenraum des Stadions auch eine Eisfläche in der Form eines riesigen Laubblatts verlegt wurde, von der bislang niemand weiß, was sie mit dem übrigen Programm der Eröffnungsfeier zu tun hat, lässt auf eines schließen: der Star muss am Freitagabend kurz von neun übers Eis.

Das konnte bislang kein Amerikaner besser als Eric Heiden, der vor 22 Jahren in Lake Placid alle fünf Goldmedaillen im Eisschnelllauf gewann - ein olympischer Rekord für die Ewigkeit. Eric Heiden würde wie gemalt in die politische Landschaft von Utah passen. Ein olympischer Saubermann, in dessen Vita niemals Zweifel an der sportlichen Leistung aufgetaucht sind; und auch danach ist er absolut skandalfrei durchs Leben gegangen. Ein Musterheld, wie es im Sport nicht viele gibt.

Vor allem Idealisten würden diese Persönlichkeit gerne noch einmal würdigen: denn Eric Heiden verschwand aus dem olympischen Rampenlicht viel schneller, als sein Publikum es wollte. Er müsse studieren, er wolle möglichst bald ein guter Arzt werden, sagte Heiden, verabschiedete sich von der Öffentlichkeit, und bereits ein paar Tage nach seinen Gold-Auftritten saß er in einem Hörsaal der Elite-Universität von Stanford. Sein Lebensziel hatte er bald erreicht, seinem Sport blieb er erhalten: als Orthopäde der US-Eisschnellläufer.

Doch Doc Heiden mit der Fackel wäre wohl eine zu nüchterne Figur für die moderne Traumfabrik NBC: Wieso lassen sich nicht Szenen jener Geschichte noch einmal nachdrehen, die fast noch mehr als Eric Heidens Dominanz auf Kufen von den Spielen in Lake Placid in die Geschichtsbücher eingegangen ist ... Die meisten Amerikaner betrachten "Miracle on Ice", das Wunder auf dem Eis als den ergreifendsten Augenblick in der Historie der Olympischen Winterspiele überhaupt. Als die amerikanische College-Auswahl die für unschlagbar gehaltene sowjetische Eishockey-Nationalmannschaft besiegt hatte, läuteten sogar die Kirchenglocken von Lake Placid. Mit eisigen Mienen nahmen die sowjetischen Weltmeister ihre Silbermedaillen entgegen, man befand sich ja auf dem Gipfel des Kalten Krieges. Kurz zuvor waren UdSSR-Truppen in Afghanistan einmarschiert, und Präsident Carter hatte bereits den Boykott der Sommer-Spiele von Moskau befohlen.

In der vergangenen Woche haben sich die alten Cracks von damals in Los Angeles wieder alle getroffen. Die Männer um Keeper Craig, der nur diese paar Wochen in seinem Leben ein Wundertorwart war, Kapitän Mike Eruzione und Stürmer Dave Silk, der später in der Bundesliga bei den Berliner Preussen spielte. Trainer-Legende Herb Brooks soll mit 62 Jahren noch einmal wiederholen, was ihm mit 40 gelang. Und gäbe die Beschwörung jener Sternstunde nicht das ideale Motto her für den voll auf Sendung gedrehten Nationalstolz eines Landes, das gerade in Salt Lake City zeigen will, dass Amerika stärker dasteht als jemals zuvor?

So stark, dass sich die Gastgeber auch die Größe leisten könnten, mit den politischen Erzfeinden von einst gemeinsam die olympische Flamme anzuzünden, und ein Zeichen für den Weltfrieden zu setzen. Für eine solche Geste gäbe es den meisten Beifall. Und ist Applaus nicht das, was Amerika dieser Tage am meisten braucht?

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