Sport : Rempeln und streicheln

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Von Helen Ruwald

Berlin. Sie zupften und zerrten an ihm, George Zidek kam nicht zur Entfaltung. Wenn sie ihn gelassen hätten, hätte der Centerspieler von Alba Berlin seinem Gegner Kai Nürnberger von den Skyliners Frankfurt im zweiten Play-off-Halbfinale um die deutsche Basketballmeisterschaft den erhobenen Ellbogen vielleicht noch ins Gesicht gerammt. Eine ziemlich einfache Aktion für einen 2,13 Meter langen Basketballer, wenn der Kontrahent 30 Zentimeter kleiner und sein Gesicht in Höhe der eigenen Schulter ist. Dass die Kollegen ihn wegrissen, war Zideks Glück. Er wurde in der 13. Minute zwar für den Rest des Spiels gesperrt, darf aber im dritten Halbfinalspiel am Sonnabend in Frankfurt, wo Alba mit einem Sieg ins Finale einziehen kann, wieder auflaufen. „Es war nur eine Rangelei. Eine Tätlichkeit liegt nicht vor, er hat nicht getroffen“, sagte Schiedsrichter Horst Weichert nach Albas 99:71-Sieg.

Im Basketball gibt es Platzverweise in der Theorie, selten in der Praxis. Am Mittwochabend in der Max-Schmeling-Halle wurde die Theorie Praxis in einer Partie voller Emotionen. Alba deklassierte die Skyliners, die als Tabellenführer in die Play-offs gegangen waren, führte nach dem ersten Viertel bereits 28:12. „Nach einer Minute wusste ich, dass wir heute nicht gewinnen“, sagte Frankfurts Trainer Gordon Herbert.“ Die Berliner waren aggressiv und konzentriert, selbst als sie hoch führten. Die Körpersprache verriet unglaubliche Energie. Wie beim überragenden Henrik Rödl, mit 18 Punkten Topscorer. Als er den Ball zum 19:9 im Korb untergebracht hatte, raste er zurück, den Mund weit offen, das Gesicht verzogen, nur nicht ausruhen, weiter, weiter, das ist unser Spiel. Als Dejan Koturovic das unbedeutende 93:63 gemacht hatte, hüpfte er übers Feld, ballte die Faust. Und so war es bei allen Berlinern: Selbst der Jubel war selbstbewusst und energisch, sie trieben sich gegenseitig an. Und spielten sich in einen Rausch. Das erste Spiel hatten die Berliner in Frankfurt 85:76 gewonnen, am Sonnabend sind sie nun klarer Favorit. Finalgegner wäre wahrscheinlich Rhein Energy Cologne, das gegen die Telekom Baskets Bonn ebenfalls mit 2:0-Spielen führt.

Von Anfang an war Albas Spiel souverän, zu souverän, um dramatisch zu sein. Bis George Zidek zur Tat schritt. Was passierte, bekam kaum einer genau mit. Zidek wollte die Szene nicht beschreiben, sagte nur: „Ich erwarte mehr von mir, ich bin 29 und habe bei Topteams gespielt. Ich habe meine Coolness verloren.“ Auch Albas Kotrainer Burkhardt Prigge musste erst das Video studieren, um herauszufinden, was passiert war. Es war wohl so: Nürnberger traf Zidek leicht mit dem Ellbogen, die Schiedsrichter gaben ein Foul. Wenig später schlug der Frankfurter mit dem Ellbogen richtig zu. Zidek krümmte sich und motzte, die Schiedsrichter reagierten nicht. Zidek rannte dem davongeeilten Nürnberger hinterher, stieß ihn, Nürnberger fiel. „Dann schien Zidek zufrieden zu sein“, sagt Prigge. Doch nun schubste der Frankfurter Stanescu Zidek, direkt zu Nürnberger, der sich wieder aufgerappelt hatte. Nürnberger packte den Berliner, der den Ellbogen ausfuhr. Dann zerrten ihn die Kollegen zurück. „Das darf nicht passieren“, sagte Trainer Emir Mutapcic. Es war nicht Zideks erster Ausraster. Gegen Leverkusen geriet er diese Saison mit John Best aneinander und verletzte sich dabei an der Hand. Dennoch wird es wohl keine Sanktionen von Albas Seite geben, „er hat seine Strafe bekommen“, sagt Mutapcic. Die Matchstrafe. Auch für Nürnberger war der Abend nicht vergnüglich. Die 7500 Zuschauer pfiffen ihn bei jedem Ballkontakt aus, so lange bis sie ihre Luft anderweitig brauchten. „Die Nummer eins , das sind wir“, sangen sie. Als die Sieger später zum Fanblock liefen, zog ein mongoloider Junge den Kopf von Dejan Koturovic nach unten, drückte ihn an sich und fuhr ihm immer wieder durch die Haare. Die Emotionen machten eben auch vor den Fans nicht Halt..

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