Sport : Rendezvous mit der Vergangenheit

Basketballstar Michael Jordan tritt heute zum letzten Mal bei den Chicago Bulls an

Benedikt Voigt,Ingo Wolff

Von Benedikt Voigt

und Ingo Wolff

Chicago. Die „Chicago Tribune“ fragt in diesen Tagen im Internet nach Michael Jordans bestem Moment in Chicago. War es, als er 1991 im zweiten NBA-Finale gegen die Los Angeles Lakers mit der rechten Hand einen Wurf antäuschte, unter dem Korb hindurchsprang, und den Basketball mit links in den Korb legte? Oder als er in den Finalspielen 1992 gegen Portland nach dem dritten erfolgreichen Dreipunktewurf in Folge rückwärts zurücklief und mit den Schultern zuckte, als wollte er sagen: „Ich weiß auch nicht, wie ich das immer mache.“ Oder als er 1996 am Vatertag nach dem Gewinn seines vierten NBA-Titels in der Umkleidekabine zusammenbrach, weil er seines ermordeten Vaters gedachte? Für was auch immer sich die Leser entscheiden, der 24. Januar 2003 wird mit Sicherheit in Chicago nicht der beliebteste Moment werden.

Dies ist der Tag, an dem Michael Jordan zum letzten Mal in Chicago auftreten wird. In jener Stadt, in der er sechs NBA-Titel gewann und zum vielleicht bekanntesten Sportler der Welt aufstieg. Inzwischen spielt der 39-Jährige für die Washington Wizards. Im Februar wird er 40 Jahre alt, und er hat bereits angekündigt, dass diese Saison seine letzte werden wird. Verletzungen behinderten ihn schon in der vergangenen Saison und ließen ihn einen persönlichen Negativrekord nach dem anderen brechen. In dieser Saison erzielt Michael Jordan 18,4 Punkte pro Spiel, was sehr gut wäre – wenn er nicht Michael Jordan hieße. Im Durchschnitt seiner 15-jährigen NBA-Karriere kommt er auf 30,4 Punkte.

Michael Jordan kehrt nicht als der beste Basketballer der Welt nach Chicago zurück. Das war er einmal, doch inzwischen dominieren andere Namen die NBA: Shaquille O’Neal, Kobe Bryant, Tracy McGrady, Allen Iverson, Chris Webber. Aber auch die Chicago Bulls sind nicht mehr das Team, das in den Neunzigerjahren sechs Titel holte. Im Gegenteil, seitdem Michael Jordan Ende 1998 endgültig die Chicago Bulls verließ, erreichte der Klub nie mehr die Play-offs. Auch diesmal wird die Saison in Chicago wohl im April enden, weshalb die Partie heute ein sentimentales Ereignis wird. Für beide, Michael Jordan und Chicago Bulls, ist es ein Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Die 1994 eröffnete United Airlines Arena, in der die Bulls spielen, ähnelt seit ihrer Eröffnung 1994 einem Jordan-Museum. Seine Bronzestatue vor der Halle ist seit fast zehn Jahren eines der häufigsten Fotomotive der Stadt. Auch heute noch, da Michael Jordan bereits seit zwei Jahren für die Washington Wizards spielt.

Diesmal ist es ein endgültiger Abschied. Schon zweimal hatte Jordan seinen Rücktritt erklärt. Zu 99,9 Prozent, hatte er beim letzten Mal gesagt, kehre er nicht mehr in die NBA zurück. Aus einer Wahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent wurden dann doch zwei Spielzeiten bei den Washington Wizards. Doch dieses Mal meint er es ernst.

Die Legende verlor in den letzten beiden Jahren von ihrem Mythos. Eine Mannschaft, bei der Michael Jordan spielt, wird nicht mehr automatisch NBA-Champion. Schlimmer, die Wizards erreichten zuletzt noch nicht einmal die Play-offs. Aber natürlich wissen alle in der NBA um seine Einzigartigkeit. Am Mittwoch applaudierten in New Orleans die Zuschauer heftig, weil Jordan in der Liste der besten NBA-Korbschützen aller Zeiten mit 31 419 Punkten an Wilt Chamberlain vorbei auf Rang drei rückte. „Statistiken definieren dich, wenn du 10 oder 20 Jahre aus dem Spiel draußen bist“, sagte Jordan, „wenn man spielt, zählt nur das Gewinnen.“ Noch spielt Michael Jordan.

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