Rennfahrer Bruno Senna : "Ayrton gab mir immer den langsameren Jet-Ski"

Rennpilot Bruno Senna im Interview über Erinnerungen an seinen berühmten Onkel, das Senna-Gen und seine Hoffnung, 2009 Formel 1 zu fahren.

Bruno Senna
Bruno Senna, 24, fährt derzeit in der GP2-Serie für das iSport-Team. -Foto: dpa

Herr Senna, haben Sie mal darüber nachgedacht, Ihren Nachnamen zu ändern?

Niemals. Ich bin glücklich mit dem, den ich habe.

Wirklich? Wenn Sie nicht ausgerechnet der Neffe von Ayrton Senna wären, wären Sie wahrscheinlich schon Formel-1-Pilot.

Vielleicht. Aber das sind die Verhältnisse, die ich vorfand, und ich muss daraus das Beste machen. Es ist nicht leicht, aber bisher läuft’s ganz gut.

Nach dem tödlichen Unfall Ihres Onkels 1994 war Ihre Karriere eigentlich zu Ende. Ihre Familie verbot Ihnen den Motorsport.

Natürlich war das hart für mich. Andererseits war es auch eine Sache des Respekts gegenüber meiner Familie. Sie war dagegen, und ich musste das akzeptieren und warten.

Acht Jahre lang. Oder sind Sie in der Zwischenzeit heimlich Rennen gefahren?

Leider nicht. Das hätte bestimmt jemand herausgefunden und dann hätte es Ärger gegeben.

Wieso durften Sie dann plötzlich doch fahren?

Es gab ein Gespräch mit meiner Mutter. Sie kam und fragte, was ich mit meinem Leben anstellen möchte. Ich sagte ihr, dass ich Rennen fahren wollte. Ich hatte versucht, es aus meinem Kopf zu bekommen, aber es ging einfach nicht. Etwas Fundamentales in meinem Leben fehlte.

Und Ihre Mutter Viviane, Ayrtons Schwester, war sofort überzeugt?

Anfangs war sie überrascht, aber dann beschloss sie, es mich versuchen zu lassen. Sie dachte vermutlich, das ist so ein Jungenssache – er ist jetzt 18, will ein Auto und ein bisschen umherrasen. Sie wusste wohl nicht, wie ernst es mir war.

Inzwischen weiß sie es. Hat sie Sie nach Ihrem ersten schweren Unfall gebeten, wieder damit aufzuhören?

Nein. Das war ein Unfall, bei dem der Pilot vor zehn oder 15 Jahren wohl echte Probleme bekommen hätte. Aber gerade weil der Crash so schwer war und ich trotzdem unverletzt blieb, hat sie erkannt, dass sich die Dinge geändert haben und die Autos sicherer geworden sind.

Ayrtons berühmtester Satz ist „Das Rennfahren liegt in meinem Blut“. Obwohl Sie so lange nicht üben konnten, sind Sie in der Nachwuchsserie GP2 momentan Zweiter, ein Wechsel in die Formel 1 erscheint realistisch. Liegt auch Ihnen das Rennfahren im Blut, in den Genen?

Man weiß nie, warum jetzt einer talentiert ist und ein anderer nicht. Ich glaube, das hat nichts mit unserer Familie zu tun. Aber Paul müsste es besser wissen (deutet auf seinen Teamchef Paul Jackson), er ist schon sehr lange im Rennsport.

Herr Jackson, gibt es das Senna-Gen?

JACKSON: Ein guter Fahrer braucht eine gute Balance und eine gute Hand-Augen-Koordination. Diese Fähigkeiten kann man sich nur bis zu einem gewissen Grad mit harter Arbeit antrainieren. Ich denke, bei Bruno liegt das schon ein bisschen an den Genen.

Herr Senna, werden Sie Ihre Gene nächstes Jahr in der Formel 1 durch die Gegend fahren?

Ich hoffe es.

JACKSON: Wir wollen ihn hier jedenfalls nicht mehr sehen (lacht).

Mit wem verhandeln Sie denn?

Lassen Sie es mich so sagen: Das einzige Team, mit dem ich noch nicht gesprochen habe, ist Ferrari. Aber bisher ist nichts entschieden.

Wären Sie fürs Erste mit einem Platz als Testfahrer zufrieden?

Das käme darauf an. Man kriegt als Formel-1-Neuling vier Testtage im Jahr, das ist nicht viel. Wenn der Vertrag beinhaltet, dass ich im folgenden Jahr ein Renncockpit kriege, dann vielleicht. Aber ich würde ein Renncockpit bevorzugen, damit ich nicht einroste.

Ayrton Senna war immer auf der Suche nach der perfekten Runde. War er als Onkel perfekt?

Nein, niemand ist perfekt. Aber er war auch zu Hause ein bisschen wie an der Strecke: Er versuchte immer, das Maximale zu erreichen. Ayrton war ein guter Mensch, sehr freundlich, immer ehrlich und geradeheraus. Er war auch ein echter Familienmensch, für ihn ging die Familie immer vor. In dieser Hinsicht war er ein Vorbild für mich – aber weit entfernt davon, perfekt zu sein.

Welche Macken hatte er denn?

Nun, manchmal war die Familie zum Beispiel nicht ganz einverstanden mit seiner Freundin, aber das war sein Ding. Und er konnte nicht verlieren, das war das, was er am meisten im Leben hasste. Er wollte immer gewinnen, sogar gegen mich, und er tat alles dafür.

Sie sind gegen Ihren Onkel Rennen gefahren?

Ja, auf dem Kart und dem Jet-Ski.

Haben Sie ihn geschlagen?

Beim Kartfahren konnte ich seine Rundenzeiten ohne Probleme erreichen, weil ich ständig auf dem Kurs auf unserer Farm übte, wenn er unterwegs war.

Und das hat ihn geärgert?

Ziemlich. Er packte mir dann so viel Blei auf mein Kart, um meinen Gewichtsvorteil auszugleichen, dass ich das Ding nicht einmal wieder anschieben konnte, wenn ich mich gedreht hatte. Und wenn er trotzdem wieder verlor, sagte er trotzig: Dann nehme ich diese Kurve hier beim nächsten Mal eben Vollgas. Das tat er auch – und dann landete er im Zaun.

Und beim Jet-Ski?

Da hat er mir immer das Standardmodell gegeben und selbst das frisierte genommen. Ich konnte ihn nur schlagen, wenn das Meer spiegelglatt war, sonst hatte ich gegen seinen Motor keine Chance.

Nutzen Sie die Erinnerungen an Rennen gegen ihn oder auch alte Videos als Inspirationsquelle?

Ja, ich habe alle Rennen von ihm als Videos auf meinem Laptop und liebe es, sie mir anzuschauen. Als ich noch mehr Zeit hatte, habe ich das ständig gemacht.

Zum Beispiel die erste Runde in Donington 1993, in der er im Regen vier Autos überholt?

Ich habe die ganze Runde aus der Onboard-Perspektive. Darauf oder auch auf den Aufnahmen in Monaco kann man sehen, dass Ayrton eine Stufe über allen anderen fuhr. Er war immer der, der am dichtesten an die Mauern heranfuhr und am spätesten gebremst hat.

In Monaco hat Ihr Onkel häufiger als jeder andere Pilot gewonnen – insgesamt sechs Mal. Im Mai gewannen Sie dort das GP2-Rennen, exakt 15 Jahre nach Ayrtons letztem Formel-1-Sieg.

In der Auslaufrunde habe ich daran gedacht. Ich habe mich daran erinnert, wie Ayrton einst auf diesem besonderen Podest stand. Es war ein tolles Gefühl, auf dem gleichen Platz zu stehen.

Sie denken im Cockpit an Ihren Onkel, studieren seine Fahrweise, haben die von ihm erfundene Comicfigur Senninha auf Ihrem Auto und seine Farben auf Ihrem Helm. Versuchen Sie, wie er zu sein?

Nicht wirklich. Meine menschlichen Werte sind seinen schon sehr ähnlich und ich versuche, so viel wie möglich von ihm zu lernen, auch aus seinen Fehlern. Aber ich habe niemals versucht, er zu sein oder ihn zu kopieren. Das würde auch in der heutigen Formel 1 nicht mehr funktionieren – es war damals eine völlig andere Zeit. Was das Rennfahren betrifft, lag Michael Schumacher als Vorbild für mich sogar näher, weil er ja bis vor kurzem noch in der modernen Formel 1 fuhr.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Michael Schumacher und Ayrton Senna?

Sie sind sich sehr ähnlich. Auch Michael hatte nicht nur Talent, sondern viel Ehrgeiz. Er wollte der Beste sein, und wie Ayrton tat er dabei Dinge, die andere nicht richtig fanden, um seine Ziele zu erreichen.

Nicht richtig fanden es auch einige, dass Schumacher beim Begräbnis seines großen Rivalen fehlte. Hat Ihre Familie ihm das auch übel genommen?

Nein. Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Ich war auch nicht auf dem Begräbnis, das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Manchmal will man jemanden auf seine eigene Weise im Gedächtnis behalten – lebendig und nicht in einem Sarg.

– Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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