• Respekt auch beim logischen K. o. - Die ungleichen Voraussetzungen der beiden Mannschaften

Sport : Respekt auch beim logischen K. o. - Die ungleichen Voraussetzungen der beiden Mannschaften

Claus Vetter

"Haie, Haie - bum, bum, bum". Die quäkende Babystimme aus den Lautsprechern der Kölnarena wirkte weniger als Motivation, viel eher als Drohung an die Adresse der Spieler des Gastgebers. Da wagten es die Stars der Kölner Haie doch glatt, über 14 000 Zuschauer auf ihren gepolsterten Sesseln zwei Drittel auf den ersten Torjubel warten zu lassen. Und das gegen die Berlin Capitals, ein Team, das nicht mehr als ein Sparringspartner zur Vorbereitung auf das Finale sein sollte. So hatte ein - auf dem riesigen Videowürfel unter der Hallendecke eingeblendeter - Kölner Anhänger vor dem ersten Halbfinalspiel der Deutschen Eishockey Liga zwischen Haien und Capitals die Forderung der Besucher jedenfalls postuliert: "Das gibt heute eine Packung."

Der Videowürfel in der Kölnarena würde in die Eissporthalle an der Jafféstraße nicht hineinpassen. Die ist nicht einmal so groß wie das Parkhaus der Kölner Heimspielstätte. Der Blick auf die infrastrukturellen Voraussetzungen der Halbfinal-Kontrahenten von Rhein und Spree offenbart gigantische Unterschiede. Über 351 000 Zuschauer haben in der Hauptrunde dieser Saison den Weg in die 18 400 Besucher fassende Kölnarena gefunden, zu den Capitals kamen im gleichen Zeitraum 108 000. Und was sich an den Rahmenbedingungen ausmachen lässt, gilt auch beim Blick aufs Spielerpersonal. In Köln ist derzeit das Beste unterwegs, was es in Deutschland gibt. Eine Mannschaft, die sich auch in Europa nicht zu fürchten braucht. Dies wurde auch letztes Jahr beim Gewinn des Spengler-Cups in Davos deutlich. Seit Jahrzehnten hatte kein deutsches Team mehr dieses renommierte Turnier in der Schweiz gewinnen können. Was der FC Bayern im Fußball ist, sind die Kölner Haie im Eishockey.

Aber auch Favoriten können sich bisweilen schwer tun. Aus der "Packung" wurde im ersten Spiel gegen die Capitals nur ein Päckchen, erst kurz vor der Schlusssirene fiel der Kölner Siegtreffer. Die Begeisterung auf den Rängen und in den 100 VIP-Boxen hielt sich in Grenzen. 24 Stunden später, beim zweiten Spiel in Berlin, war der Jubel des mitgereisten Kölner Anhangs deutlicher. Ein klares 5:1 für die Gäste, die sich nun ihrer Leistung nicht mehr zu schämen brauchten. "Wir haben überragend gespielt", meinte Doug MacDonald, "jetzt machen wir am Dienstag alles klar."

Die Worte des Haie-Stürmers zum Maßstab genommen, wäre das heutige Spiel in Köln für die Berliner das letzte dieser Saison. Michael Komma weiß um die Schwere der Aufgabe, dem Kontrahenten noch drei Niederlagen beizubringen, will gar nicht über den heutigen Tag hinaus denken. "Wir werden nicht aufgeben und am Dienstag im Rahmen unserer Möglichkeiten ein gutes Spiel liefern", sagt Komma. Ein Statement, dass natürlich jeder vom Trainer erwartet. Aber auch wenn es in Köln nicht klappen sollte, hätten die Capitals mit dem Halbfinaleinzug einen Erfolg verbucht, der Respekt verlangt. Da muss man nicht nur Köln als Vergleich heranziehen, es reicht schon der Blick zur Lokalkonkurrenz. Bei den Eisbären hat es mit einem wesentlich höheren Etat nur für die Abstiegsrunde gereicht.

Die Leistung der Capitals ist nicht hoch genug einzuschätzen, eine Wiederholung für die nächsten Jahre keineswegs programmierbar. Die Konkurrenz aus München und Köln wird weiter aufrüsten, an anderen Orten wie in Hannover und Nürnberg werden Großarenen gebaut und damit bessere Strukturen als an der Spree geschaffen. Dort werden die Capitals angesichts der politischen Entscheidungs-Unfreudigkeit ein weiteres Jahr in der abrissreifen Eissporthalle und nicht - wie vor einem Jahr von Senatsseite versprochen - in der Deutschlandhalle, spielen müssen.

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