Sport : Respekt - der einzige Wunsch des Ewald Lienen

ARMIN LEHMANN

Zur politischen Diskussion, sagt der Hansa-Rostock-Trainer, "habe ich meinen Beitrag 15 Jahre lang geleistet"VON ARMIN LEHMANN ROSTOCK.Zwei Stunden Vorstandssitzung liegen an diesem Montag hinter ihm, davor zwei Stunden Training.Da hatte Ewald Lienen es noch eilig gehabt, war zu spät gekommen und hätte beinahe die Trainingsvorbereitung verschlampt.Für ihn ein Fauxpas."Das Training", hatte er entschuldigend gesagt, "ist das Allerwichtigste." Ewald Lienen ist Fußballtrainer beim FC Hansa Rostock, dem einzigen Erstligaklub aus den neuen Bundesländern.Früher war er Fußballprofi - und vieles mehr, wenn man den alten Geschichten Bedeutung beimißt: Öko-Sozialist, auch in der Friedensbewegung aktiv, im Bund der Antifaschisten, ein Weltverbesserer und Nonkonformist.Für viele war er als Spieler von Borussia Mönchengladbach eine Schande für den deutschen Fußballsport, schlimmer noch als Paul Breitner.Über Lienen schrieb selbst die "Frankfurter Rundschau" nach dem spektakulären Foul im August 1981, als er mit klaffender Fleischwunde auf dem Rasen umherhüpfte, daß viele dachten, endlich habe es einer dem alten Kritiker gezeigt. Vor dieser Bundesliga-Saison war noch in der Zeitung mit den großen Buchstaben zu lesen, Ewald Lienen hätte eine zu schematische Auffassung vom Fußballspiel, was angeblich mit seiner politisch-linken Auffassung zu tun habe.Da lacht Lienen und winkt belustigt ab."Das ganze Gerede um meine Person ist doch unwichtig." Und: "Ja, ich kenne all diese Klischees." Dann wird er ernst, fährt sich mit der Hand durchs kurze Haar."Respekt", fordert er, "ich respektiere andere und will respektiert werden.Das ist mein Prinzip.Geordnetes Zusammenleben entsteht aus Respekt." Respekt aber hatte er, zumindest aus Sicht der anderen, früher oftmals vermissen lassen.Lienen, der demnächst 44 Jahre alt wird, war für die Medien der linke Rebell gewesen.Heute aber laden sie ihn in Sportstudios und Talk-Shows ein, weil er angeblich so anders geworden sei.Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt nun, als wäre es anrüchig, er wolle nur noch ein "normaler Fußballfachmann sein".Der "kicker" merkt an, er sei ein "sachlich-solider, beinahe pedantischer Arbeiter".Das liest sich wie eine Sensation.Man könnte glauben, es müsse sich ausschließen, daß er einst für politische Überzeugungen geradestand und nun lediglich einen Job gut machen will. Und den macht er gut.Mit Hansa Rostock steht er zur Zeit auf einem hervorragenden sechsten Tabellenplatz, obwohl Experten Rostock als Abstiegskandidat eingestuft hatten.Lienen, der 333mal in der Bundesliga spielte, arbeitete zuvor zwei Jahre erfolgreich als Co-Trainer unter dem Deutschen Jupp Heynckes beim spanischen Klub CD Teneriffa, den er mit Heynckes zweimal in den UEFA-Cup führte.Nun zog es ihn mit seiner Frau und seinen beiden Kindern von der sonnigen Ferieninsel ins kühle Rostock zu einem Verein, der für die Leute dort Hoffnungsträger ist und für ihn die große Chance, sich als Trainer in der Bundesliga zu etablieren."Ich bin ein Gewohnheitstier.Wenn ich mich auf Leute eingelassen habe, dann möchte ich auch länger mit ihnen arbeiten", sagt er und deutet an, daß er langfrist plant. Über seine alten, seine politischen Ziele redet Lienen nicht gerne.Aus Selbstschutz wohl, aus Angst vor den "Fragen unter die Gürtellinie", die es, wie er beteuert, "in Spanien nicht gegeben hat".In Interviews gehe es da nur um Fußball, "nicht um Beurteilungen von Personen wie hier in Deutschland".Wenn er Antworten gibt, dann überlegt und vorsichtig.Da ist zum Beispiel das Thema Fußballphilosophie.Kann er sich anfreunden mit der These des argentinischen Trainers Luis Cesar Menotti, der einmal sagte, es gebe einen linken und einen rechten Fußball? "Persönlich habe ich mich damit nicht beschäftigt", grübelt Lienen, und es klingt, als wolle er schon einmal vorbeugen, nicht ausgerechnet auf diesem Feld in eine politische Ecke gesetzt zu werden.Aber er kennt die Ursprünge der These, die Auseinandersetzung Menottis mit Carlos Bilardo, seinem Nachfolger im argentinischen Nationalteam, der auf Kampf, Zerstörung, Defensive setzte.Lienen sagt allgemein bleibend: "Natürlich wollen alle lieber den offensiven, den schönen Fußball sehen, den Menotti wohl mit linken Fußball meint." Zu seinen eigenen Thesen von einst will er nicht Stellung nehmen, "warum muß ich heute noch über damalige Dinge Rechenschaft ablegen?" Da sagt er nur, "ich stehe zu allem, was war, auch wenn ich viele Dinge heute anders sehe." Lienen gibt zu, daß er manchmal "einfach das Sendungsbewußtsein verloren" hatte.Dennoch hat er sich nie als "Rebell gesehen", aber ein etwas anderer Fußballprofi war er eben, weil er sich im Gegensatz zu 90 Prozent seiner Kollegen um vieles mehr als nur um das runde Leder gesorgt hat.In dieser Zeit Ende der siebziger Jahre, als die Diskussion um die Aufstellung der amerikanischen Pershing-II-Raketen mit dem Nato-Doppelbeschluß entbrannt war und die deutsche Friedensbewegung auf ihren Höhepunkt zustrebte, mußte es doch zu verstehen sein, wenn sich einer für Abrüstung und Frieden einsetzte - auch als Fußballer, obwohl die Funktionäre bis heute sagen, daß der Sport nicht politisch sein dürfe. Einen Fußballspieler wie Alain Sutter bezeichnet Lienen als "mutig", weil der vor einiger Zeit ein Länderspiel als Forum nutzte, um mit einem Plakat gegen Frankreichs Atombombenversuche zu protestieren.Die geißelnden Vorwürfe der großen Fußballverbände FIFA und UEFA auf diese Plakataktion empfindet er als "kleinkariert".Warum aber schweigt Ewald Lienen heute zu politischen Fragen? Da fällt es ihm schwer zu antworten, er wird ruhig, als wenn diese Frage an ihm zerre, ihn quält."Ich habe meinen Beitrag geleistet, als Spieler, 15 Jahre lang.Über welche Themen sollte ich reden?" Und weiter: "Wer sagt, daß ich es nicht tue, nur warum muß ich das in der Öffentlichkeit sagen? Ich kann auch so meine Prinzipien leben." Lienen hat gelernt zu schweigen. Heute benennt Lienen andere Dinge, die ihn aufregen, beispielsweise, daß Trainer zu sehen sind, die eine Zigarette nach der anderen rauchen, daß in der Öffentlichkeit über Kollegen oder Spieler hergezogen wird, "womöglich noch durch den eigenen Präsidenten".Da wird er laut und wütend: "Das ist das Ende eines seriösen Vereins".Und dann gibt es trotz aller Professionalität immer noch den Lienen, der Abstand halten kann von einem Sport, der zu einem ständigen Medienspektakel mutiert ist."Manchmal", sagt er, "muß ich darüber schmunzeln, mit welcher Ernsthaftigkeit die Leute und die Medien stundenlang über Fußball reden." So, wie auch das fachkundige Publikum vor dem Zaun beim Training des Erstligisten.Dort ist man sich sowieso schon einig über Lienen.Die alten Herren, begleitet von Dackel Heinrich, stehen fast täglich hier und können bestätigen: "Der Lienen freut sich mehr über ein Tor als der alte Trainer." Das ist ein Kompliment.

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