Sport : Rettet die Illusion!

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Er sagte nicht: „Er hat uns eine Gewissheit genommen.“ Nein, als der Fußballtrainer Claus-Dieter Wollitz 33 Monate Sperre für seinen ehemaligen Spieler und Spielemanipulierer Marcel Schuon als zu kurz kritisierte, sagte er: „Er hat Leuten eine Illusion weggenommen.“

War es das wirklich: eine Illusion? Ein Trugbild vom sauberen Fußballsport, ein Selbstbetrug, von dem alle heimlich ahnten? Er wird es so nicht gemeint haben, aber Wollitz’ Wortwahl stimmt nachdenklich: In den vergangenen Jahrzehnten kamen im Fußball einige Manipulations- und Dopingskandale ans Licht. Immer wieder wurde eifrig aufgeklärt, das heißt: einige Hauptschuldige abgeurteilt – die, die sich erwischen ließen.

Danach war Fußball wieder die Illusion vom sauberen Sport, aber nicht die Gewissheit. Denn woher sollte man die haben? Fußball ist eine der am wenigsten durchleuchtetsten Sportarten der Welt. An kaum einer anderen Sportart verdienen so viele so viel Geld; kontrolliert wird dafür recht wenig. Die großen Skandale der Vergangenheit flogen auf, als Betroffene auspackten oder Staatsanwälte zufällig darauf stießen. So traut sich niemand die Frage zu stellen: Wie viel von dem, was wir sehen, ist unverfälscht, echt?

Vielleicht ist es nicht die Illusion, der sichWollitz stellvertretend beraubt sieht, sondern die Illusio. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu definierte sie einmal als den Glauben an die Sinnhaftigkeit eines Spiels und seiner Regeln. Ohne die Illusio geht das Spiel verloren. Wenn eine härtere Strafe für einen Sündenbock wie Schuon hilft, sie im Fußball aufrechtzuerhalten – dann bitte.

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