Sport : Revolution als Dauerzustand

Mit großer Akribie setzte Joachim Löw erst Klinsmanns Visionen um und bürgt nun für ihren Fortbestand

Stefan Hermanns[Nikosia]

Joachim Löw kann wieder einmal sehr zufrieden sein mit sich und seiner Arbeit. Die entscheidende Botschaft ist bei denen angekommen, für die sie in erster Linie bestimmt war. Löw, der Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, hat vor dem Länderspiel gegen Zypern immer wieder vor den Stärken des Gegners gewarnt. „Sie sind viel besser, als man eigentlich so denkt“, hat er gesagt. Den Nationalspielern hat Löw am Montagabend entsprechendes Videomaterial vorführen lassen, und anschließend gab Innenverteidiger Per Mertesacker zu Protokoll: „Wir sind beeindruckt. Wir haben ihre Qualitäten schon feststellen können.“

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Ansichten eines Trainers so sehr in seine Mannschaft hineinwirken, dass sie sich sogar in der Diktion der Spieler wiederfinden. Nie war das besser zu beobachten als im Sommer 2006, als der Optimismus des Jürgen Klinsmann aus einer zagenden eine von sich selbst überzeugte Mannschaft machte. „Viele haben gezweifelt, ob das auch ohne Klinsmann funktioniert“, sagt Mertesacker. Vier Monate nach der WM aber gibt es eigentlich niemanden mehr, der Klinsmann noch vermisst.

In erster Linie ist das auf Joachim Löw und seine Arbeit zurückführen. Der neue Bundestrainer hat es geschafft, die Zweifel zu vertreiben: zum einen durch fünf Siege in seinen ersten fünf Spielen, zum anderen weil er von Beginn an als Garant dafür galt, dass der deutsche Fußball nicht gleich wieder den Pfad der Modernität verlässt. Als Kotrainer war Löw ein wichtiges Element im System Klinsmann, weit wichtiger, als es seine offizielle Funktion hat vermuten lassen. Löw betreute eigenverantwortlich das Ressort Taktik, er hat die Idee vom schnellen, offensiven und attraktiven Fußball in die Praxis heruntergebrochen. Löw war es, der mit den vier Verteidigern kurz vor der WM in mühevoller Kleinarbeit eine Viererkette zusammengebastelt hat, die dann tatsächlich den außergewöhnlichen Belastungen standhielt. Man könnte es auch so ausdrücken: Der eigentliche Trainer zu Zeiten des Bundestrainers Klinsmann hieß Joachim Löw. „Er hat eine tragende Rolle gespielt“, sagt Kapitän Michael Ballack.

Ohne Löws akribische Basisarbeit wäre der Erfolg des Systems Klinsmann nicht denkbar gewesen. Genauso wenig aber ist der Bundestrainer Löw ohne Klinsmann und dessen Vorleistung denkbar. Als Gesamtverantwortlicher führt Löw nun die Arbeit seines Vorgängers weiter, aber er macht nicht einfach nur so weiter wie zuvor – schon deshalb nicht, weil die Voraussetzungen für ihn ganz andere sind. Während Klinsmann wohl von Anfang an nur bis zum zweiten Juliwochenende 2006 gedacht und dafür ein passendes Modell gefunden hat, will Löw die deutsche Nationalmannschaft dauerhaft wieder in der Spitze etablieren. Verstetigung ist sein Thema. Dazu hat er das System Klinsmann vom Kopf auf die Füße gestellt.

Wenn es gut läuft, werden die Fortschritte auch heute Abend in Nikosia wieder zu beobachten sein. Löw verlangt von seiner Mannschaft „eine unglaublich gute Organisation. Wir müssen spielen wie ein Schweizer Uhrwerk: absolut seriös, sehr zuverlässig und klar strukturiert.“ Obwohl gegen Zypern Bernd Schneider fehlt, eine eminent wichtige Figur aus dem eingespielten WM-Mittelfeld, sagt Torsten Frings: „Das ist für uns keine Umstellung. Wer auch immer für Bernd zum Einsatz kommt, weiß, was er zu tun hat.“

Irgendwann einmal soll die Mannschaft das Spielsystem so sehr verinnerlicht haben, dass es unabhängig von den handelnden Personen funktioniert. Daran arbeitet Löw. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat er jetzt erzählt, dass er schon als Spieler von einem Trainer mehr verlangt habe als nur ein paar scharf machende Worte: „Mir standen immer die Haare zu Berge, wenn den Trainern bloß einfiel, dass wir Spieler mehr rennen und kämpfen sollten.“ Auch Klinsmanns Motivationszauber hat nicht alle Mitglieder der Nationalmannschaft erreicht; manche sehnten sich nach mehr Substanz und sahen diese vor allem durch Löw verkörpert.

Es ist kein Zufall, dass gerade erfahrene Kräfte wie Jens Lehmann oder Michael Ballack sich nach Klinsmanns Abschied für eine Beförderung Löws einsetzten. „Die Mannschaft kannte ihn, seine Art und seine Philosophie“, sagt Ballack. Dass sie sich für Löw ausgesprochen hat, war eine Entscheidung für Kontinuität. Und eine für den Wandel.

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