Rhönrad-WM im Berliner Tempodrom : Turner treffen Transvestiten

Randsportarten wie Rhönrad setzen auf Show – bei der WM in Berlin sehen die Zuschauer Transvestiten, Rockbands und schlechte Komiker. Es wurde aber auch ein spannender Wettkampf geboten.

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Dauerrotation. Die Rhönräder sind etwa 50 Kilogramm schwer.
Dauerrotation. Die Rhönräder sind etwa 50 Kilogramm schwer.Foto: dpa

Die Zuschauer beim World Team Cup im Rhönrad werden von einem glänzend bekleideten Transvestiten begrüßt. Willkommen, Bienvenue, Welcome, singt er. Zu einem Cabaret im Berliner Tempodrom, das ab und zu vom Leistungssport unterbrochen wird.

So hätte man das zumindest nach den ersten dreißig Minuten bewerten können. Ab 18 Uhr am Samstagabend sollen in Kreuzberg die weltweit vier besten Nationalteams im Rhönradturnen um den größten Preis des Sports kämpfen. Die Topathleten aus Japan, Deutschland, Niederlande und der Schweiz dürfen allerdings erst um 18.40 Uhr turnen.

Denn nach dem Transvestiten kommt eine Rockband, die an den Film „Spinal Tap“ erinnert. Die Gitarren glänzen silbern, die Hose sitzen richtig eng, aber die Musiker selbst finden es scheinbar alles ein bisschen peinlich. Rock’n’Roll hatten sie sich wohl mal anders vorgestellt.

Für die Zuschauer, denen die Band und die Cabaret-Begrüßung nicht ausreichen, gibt es auch eine unterhaltsame Moderation. Zwei Schauspieler, die zwischen jeder Turnierrunde als ältere Damen verkleidet die Bühne betreten, um Witze zu erzählen, die alle Klischees von humorlosen Deutschen zu bestätigen drohen.

Naja, das muss aber wohl heutzutage so sein. Das Show ist mittlerweile ein unvermeidbares Element von vielen Sportveranstaltungen. Dass Rhönrad als Randsportart besonders viel davon braucht, scheint nur logisch. Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht, denn das Tempodrom ist am Samstag mehr als halb voll. Zwar hat vermutlich die Hälfte dieses Publikums keine Ahnung von der Sportart, aber da bleibt eine große Zahl, die sich aktiv für den Sport begeistert. Darunter sind nicht nur Deutsche. Im Westblock der Halle sitzt eine große Gruppe von Schweizern, mit Flaggen und Kuhglocken ausgestattet. Ihnen gegenüber ist ein unübersehbarer Block in Orange. Darunter sitzt das starke Kontingent aus Japan, das bei jedem Auftritt seiner Athleten lauter schreit als alle anderen.

Ein vom Sport begeistertes Publikum

Als der Sport endlich anfängt, ist eines klar. Keiner in der Halle ist wegen der Show gekommen. Die Stille, als die Athleten in drei verschiedenen Disziplinen (Geradeturnen, Spiral und Sprung) den Wettkampf ausführen, ist beeindruckend. Diese Sportart mag nicht weltberühmt sein, aber ist aus sportlicher Sicht immer noch spannend. Nicht nur dem individuellen Talent der Athleten, sondern auch dem Wettbewerb selbst auf den etwa 50 Kilogramm schweren Rädern ist auch für den unerfahrenen Zuschauer einfach zu folgen. Vor allem vom Sport ist dieses Publikum begeistert.

Fahnen und Kuhglocken beiseite, wird jeder Athlet und jede Athletin von allen Zuschauern unterstützt. Der unglaublichen Leistung des Japaners Yasuhiko Takahashi zum Beispiel wird so leidenschaftlich applaudiert wie der seiner europäischen Konkurrenten.

Es ist ein spannender Wettkampf. Der Dauer-Weltmeister Deutschland liegt früh hinten in der Punktetabelle, die Niederlande übernimmt die Führung. Bis zur letzten Runde bleibt das Endergebnis offen. Vor allem Turnerin Laura Stullich bringt die Gastgeber zurück ins Rennen und wird entsprechend vom Publikum gefeiert. Letztendlich kommt auch sie in der letzten Runde nicht an Takahashi vorbei, und Japan wird mit 20 Punkten Sieger.

Der zweite Platz muss jedoch geteilt werden. Drei europäische Nationen haben am Ende jeweils 18 Punkte, und gewinnen damit alle Silber. Es ist ein passendes Resultat. Alle dürfen feiern, und dieser sportlich extrem kuriose Abend geht, in den Worten des Moderators, mit „dem kuriosesten aller Ergebnisse“ zu Ende.

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