Sport : Rhythmisches Einfahren

von und Karin Sturm[Melbourne]

Manche hatten sich das ganz einfach vorgestellt. Michael Schumacher kommt zurück, fährt auf Anhieb der Konkurrenz um die Ohren, gewinnt gleich mal das Auftaktrennen in Bahrain und wird dann natürlich auch noch Formel-1-Weltmeister 2010. Doch nach Niederlagen gegen seinen jungen Teamkollegen Nico Rosberg in Training, Qualifying und Rennen musste auch der Mercedes-Pilot selbst eingestehen, dass er noch nicht ganz wieder der Alte ist – wenn auch auf ganz gutem Weg dahin. Er sei über eine Runde noch „ein bisschen eingerostet, da fehlt mir noch etwas der Rhythmus – über die Distanz bin ich aber schon ganz gut drin“. Das zweite Saisonrennen am Sonntag in Melbourne „wird mir sicher helfen, noch mehr in den Rhythmus zu kommen“.

Um den Takt wiederzufinden, ist Schumacher bereits in der vergangenen Woche nach Australien gereist. Er habe sich „einige schöne Tage zum Trainieren, Anpassen und Relaxen gegönnt, damit ich zum Rennwochenende fit und ausgeruht bin“. Per Telefon und E-Mail wirkte er dabei am wichtigsten Projekt im Hause Mercedes mit: an den Umbauarbeiten des Formel-1-Wagens. Zuallererst geht es dabei um die Tendenz des Autos, aufgrund der diesjährigen schmaleren Vorderreifen zum Untersteuern zu neigen und über die Vorderachse zu schieben – ein Fahrverhalten, das Schumacher überhaupt nicht liebt.

Der frühere Pilot Gerhard Berger erinnert sich noch genau, wie er Ende 1995 nach seinem Platztausch mit Schumacher in dessen Benetton stieg: „Das Auto war für mich unfahrbar, so wie es übersteuert hat. Mir war damals schleierhaft, wie man mit dem Auto überhaupt schnell fahren konnte.“ Dass Schumacher seinen über Jahrzehnte perfektionierten Fahrstil verändert, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, will Teamchef Ross Brawn noch nicht: „Wir müssen das Auto so hinbekommen, dass Michael besser damit zurecht kommt.“

Nicht nur das: Mercedes muss das Auto insgesamt schneller machen, denn auf die Spitzenteams Red Bull und Ferrari scheint derzeit noch eine gute halbe Sekunde zu fehlen. Das große Aerodynamik-Update in Bahrain hatte nicht die gewünschte Wirkung. Mercedes erwartet nicht, in Melbourne auf einmal den Stein der Weisen finden. Der Grand Prix von Australien werde „sicher kein Sonntagsnachmittags-Spaziergang“, sagte Motorsportchef Norbert Haug der dpa. „Aber sobald wir unsere technischen Verbesserungen umgesetzt haben, werden unsere Fahrer siegfähig sein. Wir werden aufholen und in einiger Zeit ganz an der Spitze mitfahren.“ Wegen des allgemeinen Testverbots hat Ross Brawn seinen Technikern intensive Windkanalarbeit verordnet. Balance, aerodynamischer Abtrieb und Reifenverschleiß sind die Hauptansatzpunkte am Silberpfeil. In den vergangenen Jahren kamen die großen Umbauten immer zu Beginn der Europasaison, das wäre dieses Jahr am 9. Mai in Barcelona der Fall. Im Albert Park von Melbourne, „auf einer meiner absoluten Lieblingsstrecken“, wie er selbst sagt, will Schumacher zumindest persönlich schon mal einen weiteren Schritt nach vorn machen.

Einer ist allerdings sowieso überzeugt, dass man sich um Michael Schumacher keinerlei Sorgen machen muss. Seinen größten Fürsprecher im Fahrerlager hat der 41-Jährige in Niki Lauda, der im Jahr 1982 selbst nach zweijähriger Pause noch einmal ein Comeback feierte und dann 1984 auch noch einmal Weltmeister wurde. Der dreimalige Champion findet Schumachers Rückkehr bisher absolut gelungen und ist überzeugt: „Er wird mit seiner brutalen Konsequenz alle Ressourcen im Team für sich nutzen. Spätestens in Malaysia ist er da.“

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