Sport : Ribbeck hat genug von Stielike

Klaus Rocca

Der Teamchef gibt seinem Assistenten den Laufpass, weil er "keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit" siehtKlaus Rocca

Im Berliner Hotel Palace wurde gestern früh, wenige Wochen vor der Fußball-Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden, die Trennung vollzogen: Teamchef Erich Ribbeck teilte seinem Assistenten Uli Stielike mit, dass er bei der Nationalmannschaft künftig ohne ihn arbeiten werde. Eine halbe Stunde sprachen Stielike und Ribbeck am Tag nach dem DFB-Pokalfinale. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel wirkte Stielike anschließend erleichtert: "Es ist besser, dass wir den Schnitt gemacht haben. Ich saß zuletzt immer zwischen zwei Stühlen. Das hat mich enorm belastet." In einer offiziellen Presseerklärung des Deutschen Fußball-Bund (DFB) hieß es gestern Nachmittag: "Diese Entscheidung traf Teamchef Erich Ribbeck, weil er aufgrund unterschiedlicher Auffassungen keine Basis mehr sah für eine konstruktive Zusammenarbeit im Sinne des bestmöglichen sportlichen Erfolges." Dazu Stielike: "Ich gehe davon aus, dass meine Entlassung mit dem DFB-Präsidenten Egidius Braun abgesprochen war."

Eingeweihte vermuten in Braun die treibende Kraft. Dieser hatte wiederholt kritisch zu Äußerungen Stielikes Stellung genommen. Auch das letzte Interview Stielikes im "Kicker" hatte den Präsidenten erbost. In einer Zeitung wurde er so zitiert: "Ich habe dazu sicher etwas zu sagen. Aber ich verlasse nicht meine Linie, die ich auch von meinen Mitarbeitern erwarte - nämlich Meinungsverschiedenheiten nicht über die Öffentlichkeit auszutragen." Stielike habe zwar nicht die Diplomatenschule besucht, gleichzeitig betonte Braun aber, Stielike und Ribbeck seien "eine ideale Kombination".

Der 45-jährige Stielike vermutet, dass das "Kicker"-Interview "das Fass zum Überlaufen brachte". Darin hatte Stielike betont, dass Ribbeck "generell für die Nationalmannschaft die Verantwortung trägt" und weiter erklärt, "dass ich es gar nicht gern gesehen habe, als unser Präsident am vergangenen Samstag im ZDF-Sportstudio drei Mal meinen Namen in einem Atemzug mit der A-Mannschaft nannte." Im Moment habe er mehr Spaß an der Jugendarbeit des DFB und könne es sich schwer vorstellen, unter einem eventuellen Ribbeck-Nachfolger als zweiter Mann weiterzumachen.

Stielikes Äußerungen ließen vermuten, dass er sich bei der augenblicklichen Misere der Nationalmannschaft aus der Verantwortung stehlen wolle. Dazu sagte Stielike gestern: "Wenn man in solch einem Amt war wie ich, konnte man gar nicht die Verantwortung von sich weisen." Er habe sich nur dagegen gewehrt, die "gleiche prozentuale Verantwortung" wie Ribbeck zu tragen.

Schon nach der Niederlage am 23. Februar in Amsterdam, bei der die DFB-Auswahl vorgeführt wurde und mit dem 1:2 noch gut bedient war, hatte Stielike, seit September 1998 Assistent Ribbecks, mit verschiedenen Äußerungen Ärger bei Braun und Ribbeck hervorgerufen. Dabei war auch der Eindruck entstanden, Stielike trage bewusst dazu bei, das ohnehin arg ramponierte Ansehen des Teamchefs noch mehr zu untergraben. Ribbeck erklärte damals: "Wir müssen verhindern, dass Uli Stielike mit ungeschickten Äußerungen einen Keil zwischen uns treibt."

Offenbar saß der Keil nach dem letzten Stielike-Interview wohl doch zu tief. "Wir haben aber", so Stielike, "menschlich weiterhin ein gutes Verhältnis. Die Trennung war absolut korrekt und fair." Es werde auch keine schmutzige Wäsche gewaschen, "weil es gar keine schmutzige Wäsche gibt". Negative Auswirkungen auf die Nationalmannschaft oder gar eine Verschärfung der sportlichen Krise durch die neue Unruhe befürchtet Uli Stielike nicht: "Das wird die Situation in der Nationalmannschaft absolut nicht tangieren. Im Gegensatz zum Verein geht es dort doch meist nur um flüchtige Beziehungen."

Stielike wird beim DFB seinen Vertrag als Jugendtrainer bis zum Jahr 2002 erfüllen. "Da kommt doch mehr rüber als bei der A-Nationalmannschaft", betonte er noch einmal. Bei der kommenden Europameisterschaft wird er lediglich als Spielbeobachter fungieren. Stielike berührt das alles jetzt nicht mehr: "Ich hoffe, dass ich jetzt mehr zur Ruhe komme."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben