Sport : Ribbeck schwieg, Röber plauderte: Späte Kunde vom frühen Glück

Klaus Rocca

Walter Müller ist erklärter Italien-Fan, und für ihn war dieses Fußballspiel am Dienstagabend "das bisher schönste Erlebnis hier". Mit Verve in der Stimme sprach der Präsident von Hertha BSC vom "bisherigen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte", und es würden bald noch weitere folgen. Der Beifall beim Bankett im Grand Hotel Brun war ihm gewiss. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden.

Weit nach Mitternacht schaute auch Erich Ribbeck zur Gratulationscour vorbei. Der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft hatte zuvor mit Oliver Bierhoff in einem Mailänder Nobelrestaurant gespeist. "Hertha hat sich das Unentschieden redlich verdient", sagte Ribbeck. "Milan hat doch nur eine einzige Chance gehabt, und die hat prompt zum Tor geführt." Nun ja, ganz so war es nicht, doch die Berliner hörten es gern.

Die Aufmerksamkeit des Teamchefs galt vor allem jenem Jüngling, den er gern schon längst in seinem Kader gehabt hätte: Sebastian Deisler. Mit Bedacht urteilte Ribbeck zurückhaltend und machte das Lob lieber an dessen Gegenspieler Serginho fest. Der habe doch auf der linken Seite nur ganz wenig gebracht und kein einziges Mal vors Tor geflankt. Da hatte Ribbeck die erste Halbzeit wohl schon ein wenig verdrängt. Zurückhaltend äußerte sich der Teamchef auch darüber, ob er Deisler denn nun für das nächste Spiel gegen die Türken nominiere: "Ich will erst noch mal die Spiele am Mittwoch Abend abwarten."

Oliver Bierhoff aber hatte schon vorher verraten: "Erich Ribbeck hat mir gesagt, dass der Deisler exzellente Chancen hat." Das bestätigte Jürgen Röber gestern. Beim Bankett hatte ihm der Teamchef offenbar schon mitgeteilt, er werde Deisler in den Kader für das Spiel gegen die Türken berufen.

Michael Preetz wird auf eine erneute Berufung noch ein Weilchen warten müssen. Wen wundert es? Warum sollte Erich Ribbeck auch einen Stürmer holen, der sich angeschlagen mit den Unannehmlichkeiten einer Armmanschette plagt? "Ich hatte das Gefühl, dass ihn die Manschette stark behindert hat", sagte der Teamchef. Da täte er Michael Preetz sicherlich keinen Gefallen, ihn für ein Spiel zu nominieren, bei dem es um so viel geht.

So setzt sich die Leidenszeit jenes Mannes fort, dem Hertha so viel zu verdanken hat. Manager Dieter Hoeneß weiß nur zu gut, was jetzt in Michael Preetz vorgeht. Vor 23 Jahren hatte Hoeneß im Trikot des FC Bayern beim 0:0 in Lissabon, so wie Preetz am Dienstag in Mailand, nicht einen einzigen Torschuss abgegeben. Im Rückspiel aber, beim 5:1-Sieg, war er mit drei Toren der gefeierte Mann. Die Botschaft des Managers ist deutlich: Der Erfolg kann ganz schnell zurückkommen. In San Siro war Preetz als Stürmer abgemeldet, seine guten Szenen hatte er, wenn er als Abwehrspieler hinten aushalf. "Wenn einer so arbeitet", sagte Hoeneß, "dann wird er irgendwann auch belohnt."

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