Sport : "Richtig freigespielt habe ich mich noch nicht"

JÖRG ALLMEROTH

Ein wenig aus der Übung mit Dankesreden nach Turniersiegen sei sie geraten, erklärte Steffi Graf in Leipzig.Seit 1986 zählt die 29jährige Brühlerin zur Weltspitze.Sie wurde Olympiasiegerin 1988, erkämpfte 21 Grand-Slam-Titel und feierte nun den 105.Turniersieg.Jörg Allmeroth sprach mit ihr.

FRAGE: Acht Wochen Zwangspause, dann gleich ein Turniersieg in Leipzig.Haben Sie mit dieser Rückkehr gerechnet?

GRAF: Ich war ja eher skeptisch, ob ich überhaupt hier an den Start gehen sollte.Wenn man keine Matches mehr spielt, verliert man jegliche Orientierung, wie gut oder wie schlecht man eigentlich ist.Doch dann hat mich mein Trainer Heinz Günthardt zu meinem Glück gedrängt.Er hat ja auch recht: Jedes Turnierspiel ist hundertmal wertvoller als eine noch so harte Trainingsstunde.

FRAGEL: Immer neue Comebacks nach immer neuen Verletzungen.Was treibt Sie immer noch an?

GRAF: Dieses Spiel ist mein Leben.Es gibt mir immer noch unvergleichliche Gefühle und Empfindungen.Das Schöne daran ist wahrscheinlich auch, daß man endlos auf der Suche nach einer gewissen Perfektion ist und doch nie das vollkommene Spiel zeigen wird.

FRAGE: Sind Sie in den letzten Jahren gelassener geworden?

GRAF: Ohne Zweifel.Ich stelle nicht mehr diese hohen Ansprüche an mich selbst.Ich habe gelernt, Kompromisse einzugehen.Und das ist auch kein Wunder nach allem, was ich an Verletzungen durchgemacht habe.Ich war ja in den letzten Jahren häufiger in Arztpraxen und Krankenzimmern als auf dem Centre Court.Es war schon eine schlimme Zeit.

FRAGE: Und der Gedanke, im Kampf gegen den streikenden Körper aufzugeben, kam Ihnen nie?

GRAF: Natürlich schießen einem solche Überlegungen durch den Kopf, alles andere wäre ja unnormal.Man braucht schon eine besondere Willensstärke, um das durchzustehen.Ich glaube nicht, daß sehr viele andere Sportler heute noch aktiv wären, wenn sie diese Krankheitsgeschichte hinter sich hätten.Ich hatte glücklicherweise immer wieder Unterstützung aus der Familie und von Freunden - ohne diesen Zuspruch wäre es auch sehr schwer gewesen, diese Herausforderung zu packen.

FRAGE: Trotz langer Fehlzeiten haben Sie immer wieder den Anschluß an die Weltspitze geschafft.Warum ziehen Ihnen die anderen Stars nicht auf und davon?

GRAF: Ob ich noch einmal ganz nach oben kommen kann, steht ja nicht fest.Diese Frage ist noch offen, vielleicht wird man sie auch erst im nächsten Jahr beantworten können.Aber es ist ja auch nicht so, daß man in einer Verletzungpause das Tennisspielen verlernt.Wenn man zurückkehrt, dann muß man physisch fit sein und genug Selbstvertrauen haben - dann ist auch der Kontakt zu den Besten wieder da.Auch die, die jetzt führen, sind ja keine Überfrauen.Das war ich in meinen starken Jahren auch nicht.

FRAGE: Gab es denn einen Zeitpunkt in diesem Jahr, an dem Sie für einen großen Sieg bereit waren?

GRAF: Vor den US Open fühlte ich mich prächtig.Nach dem Sieg in New Haven glaubte ich, daß ich dort wirklich etwas Außergewöhnliches schaffen könnte.Die Fitneß war da, die Stimmung war gut.Doch dann traf mich in New York wieder dieser Schlag - mit der Verletzung am Handgelenk.

FRAGE: Beobachten Sie den Tenniszirkus auch, wenn Sie nicht spielen können?

GRAF: Nur ganz sporadisch.Da gibt es eigentlich eine starke Distanz.

FRAGE: Gegen die Top-Spielerinnen wie Hingis, Davenport oder Venus Williams könnten Sie eventuell beim Masters Mitte November in New York antreten?.

GRAF: Ich bin jetzt ziemlich nahe dran.Unerwartet, wie ich zugeben muß.Aber wenn ich es schaffen sollte, dann nehme ich den Masters-Start als schönes Geschenk gerne mit.Besondere Erwartungen hätte ich allerdings nicht, vielleicht käme ein solch starkes Feld auch ein bißchen früh.

FRAGE: Angeblich kommt es im Dezember noch zu einem "Kampf der Geschlechter" gegen Agassi oder Connors?

GRAF: Das ist in der Planung.Aber es ist noch kein Vertrag unterschrieben.Und der Gegner steht auch nicht fest.

FRAGE: Was haben Sie sich denn für das nächste Tennisjahr vorgenommen?

GRAF: Der größte Wunsch ist, verletzungsfrei zu bleiben.Wenn das gelingt, kann ich noch einmal richtig attackieren.Dann könnte ich auch in Reichweite eines Grand-Slam-Sieges kommen.Ein Wimbledon-Sieg wäre natürlich etwas Wunderbares.

FRAGE: Die Weltrangliste interessiert Sie nicht?

GRAF: Keine Spur.Damit befasse ich mich nicht.Das ist ein absolutes Null-Thema.Ich habe 377 Wochen in der Weltrangliste geführt.Was macht es aus, ob es nun eine 378.oder eine 388.Woche gibt.Viel wichtiger sind einzelne schöne Erlebnisse im Tennis.

FRAGE: Wo beginnen Sie die Saison 1999?

GRAF: Der erste Wettbewerb wird Sydney sein.Danach geht es zu den Australian Open nach Melbourne, ein echter Härtetest.

FRAGE: Nach dem Turniersieg in Leipzig haben Sie gesagt: Natürlich habe ich noch Reserven.Wie groß sind diese?

GRAF: So klein sicher nicht.Nutzen kann man die aber nur, wenn man auf dem Court wieder Souveränität und Sicherheit ausstrahlt.Trotz des Sieges in Leipzig muß ich sagen: Richtig freigespielt habe ich mich noch nicht.Es fehlen noch die gelungenen Kombinationen und Angriffszüge.

FRAGE: Spielerische Defizite haben Sie stets mit einem hohen Konzentrationsvermögen ausgeglichen.

GRAF: Diese Fähigkeit, alles auszublenden und die Gedanken nur aufs Spiel zu richten, war immer mein Plus.Es ist immer wieder eine schöne Erfahrung, daß einen so schnell nichts aus der Ruhe bringt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar