Sport : Ring frei für die nächste Runde

Warum die Niederlage von Wladimir Klitschko den beiden Boxbrüdern in den USA durchaus helfen kann

Michael Rosentritt

Berlin. Der Plan hatte was. Im April sollte Witali Klitschko (31) den Schwergewichtsweltmeister Lennox Lewis herausfordern. Was den Ausgang dieses Kampfes anbelangt, war man sich einig. Sollte der Brite nicht als Tagträumer in den Kampf gehen, würde er den älteren der beiden Klitschkos schlagen. Dann aber, so sah es das Drehbuch vor, sollte Wladimir (26) seinen Bruder rächen und Lennox Lewis in Rente schicken. Niemand ahnte, dass ein molliger Polizist aus Südafrika diesen Plan durchkreuzen sollte. Aber genau das könnte für die Klitschkos von Vorteil sein.

Jetzt, da Wladimir Klitschko seinen WBO-Titel an Corrie Sanders verloren hat, greift ein anderer, in Wirklichkeit ganz alter Plan: Wladimir kann jetzt in den drei großen Verbänden (WBA, IBF, WBC) angreifen.

So hatte es sich Klaus-Peter Kohl, Chef der Hamburger Universum Box-Promotion, ausgedacht, als er im Herbst 1996 die beiden Klitschkos unter Vertrag nahm. Wladimir hatte wenige Monate zuvor, bei den Olympischen Spielen in Atlanta, die Goldmedaille im Superschwergewicht gewonnen. Er war damals 20 Jahre jung und der erste weiße Olympiasieger im schwersten Limit seit 36 Jahren. Und das brachte wiederum Don King auf den Plan, den Paten des Weltboxens. Noch heute stehen dem die Haare zu Berge, weil nicht er, sondern Klaus-Peter Kohl das Rennen um die beiden ukrainischen Riesen gemacht hatte.

Dem jüngeren der beiden Klitschkos prophezeiten die Experten die steilere Karriere. „Witali kann seine Vergangenheit als Kickboxer nicht leugnen“, sagte damals Fritz Sdunek, der Trainer beider Klitschkos. Olympiasieger Wladimir sollte langsam aufgebaut werden – für Gegner wie Tyson, Holyfield, Lewis oder Bowe. Witali dagegen schickte Universum bei der WBO – dem kleinsten der vier ernst zu nehmenden Weltboxverbände – ins Titelrennen. Und er wurde Weltmeister, bis zum 1. April 2000. Da verlor Witali seinen WBO-Titel an den Amerikaner Chris Byrd. Der fünf Jahre jüngere Wladimir holte den Titel zurück: Er schlug Byrd und rächte seinen Bruder erfolgreich. Das Drehbuch bekam einen neuen Dreh. Denn der Haken an der Sache war, dass Wladimir als WBO-Weltmeister in keiner Rangliste der anderen Verbände mehr geführt wurde.

Wie also stehen jetzt die Chancen für die weitere Zukunft der Klitschkos? Der überraschende Titelverlust Wladimir Klitschkos wird nichts an den wichtigen Verträgen zwischen Kohls Boxstall und dem amerikanischen Bezahlsender HBO (Home Box Office) ändern. Kohl ist sich sicher: „Wir werden weiterhin auf dem amerikanischen Markt präsent sein“, sagte er gestern. Und er meint: mit beiden Boxern. Denn auch Witali Klitschko „entwickelte sich besser als gedacht“ (Sdunek). Witali wird in den Ranglisten des WBC und der WBA als Nummer eins geführt und ist damit offizieller Herausforderer – sowohl für Lennox Lewis (WBC) als auch für Roy Jones jr. (WBA). Jones hat 180 Tage Zeit, seinen Titel pflichtgemäß zu verteidigen. Lewis hat weniger Zeit. „Wenn Lewis nicht bis Juni seinen Titel gegen Witali verteidigt, muss das WBC ihn für vakant erklären“, sagt Kohl. Dann würde Witali Klitschko um den vakanten WBC-Titel boxen.

Lennox Lewis soll der Gegner sein

Während Wladimir Klitschko frühestens im Sommer wieder boxen wird, bastelt Kohl nach wie vor am Zustandekommen eines Kampfes zwischen Witali und Lennox Lewis. Das WBC habe laut Kohl im Dezember 2002 beschlossen, dass Witali Klitschko der rechtmäßige Herausforderer von Lewis ist. Unterdessen hat Klitschko selbst vor dem zuständigen Zivilgericht in Nevada Klage gegen den Weltverband erhoben. Das WBC möge sich bitte an die eigenen Regeln halten – so der Inhalt der Klage. Der Brite Lennox Lewis bevorzugt nämlich am liebsten ein weiteres Duell mit Mike Tyson. Weil dann die Börse höher als in einem Kampf gegen Klitschko ausfallen würde. Am 8. Juni des vergangenen Jahres hatte Lewis Tyson in der achten Runde k.o. geschlagen. Es ist der einzige Boxkampf, der sowohl von HBO als auch vom US-Konkurrenzsender „Showtime“, bei dem Tyson unter Vertrag steht, gemeinsam übertragen wurde.

HBO ist mit rund 35 Millionen Abonnenten die Weltbühne des Boxens. Seit 1973 und dem WM-Kampf zwischen Foreman vs. Frazier in Kingston, beeinflusst der Sender das Boxgeschäft. Für besondere Kämpfe muss extra gezahlt werden (Pay-per-view). Ein Beispiel: Als Roy Jones jr. neulich WBA-Weltmeister wurde, schauten 525000 Amerikaner bei HBO zu – bei einem Zuschlag von 50 Dollar. So kamen mehr als 25 Millionen zusammen. Ein feines Geschäft für den Sender. Auch die Klitschkos werden von HBO für tauglich befunden, solche Summen einzuspielen. Für HBO war klar, dass man mit beiden Klitschkos eine Menge Geld verdienen kann. Mit diesen charismatischen, promovierten Boxern aus Europa wird eine neue Zielgruppe angesprochen – die weiße Bürgerschicht Amerikas. Also schloss HBO mit Kohls Universum Box-Promotion einen Vertrag. Der umfasst neun Kämpfe – sechs in den USA, drei außerhalb der USA. Der erste davon war Klitschkos Niederlage in Hannover. Kohl aber ist von einem überzeugt: „In den USA wird man ihm diese Niederlage eher verzeihen als in Deutschland.“

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