Sport : Ringen: Keene an die Lapp

Martin Hägele

Auf den Sieger wartete die schönste Fernseh-Reporterin Bulgariens, die Armen Nazarian in eine rot-weiß-grüne Fahne hüllte und dann so an sich drückte, dass zwischen sie und den strahlenden Klein-Herkules gerade noch ein Mikrofon passte. Und dahinter bauten sich Gratulanten auf, die feine dunkle Anzüge trugen, aber aussahen, als gehörten sie zu einer besonders ehrenwerten Gesellschaft.

Auf den Vierten im Wettbewerb der Griechisch-Römisch-Ringer wartete auch eine Umarmung. Rifat Yildiz drückte sich an die breite Brust des Bundestrainers Lothar Ruch. Vom Gesicht des Kämpfers war nur ein kleines weißes Stück Pflaster zu sehen, man konnte sich vorstellen, dass der Mann gerade heulte. Andererseits ließ sich aus der Art und Weise, wie die Hände der beiden Männer einander auf Schultern und Rücken klopften, auch ableiten, dass sie sehr viel Respekt füreinander empfanden. Auch in der Niederlage. Und obwohl Rifat Yildiz erst einmal weggegangen ist von den Reportern nach seinem ersten Kurzkommentar: "Auf Deutsch gesagt - Scheiße."

Der kleine Rifat war elf, als seine Eltern aus Anatolien nach Aschaffenburg zogen und einen Arbeitsplatz fanden, weil Vater Yildiz senior so ein guter Ringer war. Sohn Rifat aber wurde noch viel besser auf der Matte, weshalb er auch einen deutschen Pass bekam und bei den Spielen 1988 als Medaillenbank galt. "Man muss nur das Tier in ihm wecken", sagte damals sein Trainer, "dann hört er auf zu träumen." Irgendwie hat Rifat dann doch geträumt in Seoul, vor allem von der Schlagzeile "Türke holt erstes Gold für Deutschland". Er war blockiert. Und vor lauter Scham hat er sich nicht mal getraut, nach Deutschland zu telefonieren.

Um das Gold, das für ihn reserviert schien, ist er 1992 in Barcelona betrogen worden. In Atlanta wurde er Fünfter. Aus diesem Ärger heraus aber hat sich eine besonders intensive Beziehung zu Lothar Ruch entwickelt. Der nahm ihn wieder in den Nationalkader auf, obwohl Yildiz nach Atlanta international zurückgetreten war. Rifat Yildiz hatte noch etwas gutzumachen, er glaubte auch, dass sein Sport ihm das schulde.

"Ich wollte meiner Frau und meinem Sohn und dem Trainer noch eine Medaille schenken", hat Yildiz gesagt, nachdem er sich wieder im Griff hatte. Egal welche Farbe. Gut, gegen den eingebürgerten Armenier Nazarian besitzt keiner in dieser Gewichtsklasse eine Chance. Doch im Kampf mit Zetian Sheng hatte er sich schon mehr ausgerechnet. Pech kam hinzu. "So ist das halt beim Ringen". Das sagt er, das sagt der Bundestrainer, das sagen alle.

Rifat Yildiz hat etwas viel Wertvolleres gewonnen. Seinen Stolz. Niemand brauchte ihm mehr "eene an die Lapp zu hauen" zum Motivationsschub. Und alle, die zuletzt ihre Interviews immer mit "Sie sind ja jetzt schon 35 Jahre alt" begonnen haben, müssen im Nachhinein den Hut ziehen.

Es war sein letzter internationaler Kampf. Er wird jetzt nur noch in der Oberliga ringen, für den KSC Hösbach. Das Schlusswort, die kurze Abschiedsrede hielt Lothar Ruch, der Bundestrainer: "Einer der größten Ringkämpfer hat jetzt aufgehört. Ich weiß nicht, wer diesen Sport in Deutschland mehr bereichert hat als Rifat Yildiz." Yildiz hat in Sydney seine Frau zu Hause angerufen. Diesmal hat er sich nicht mehr geniert.

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