Sport : Ringen: Über die Datenbank zum Gold

Peter S. Kasper

Er hört, wie sein Name aufgerufen wird und sich im Jubel der Menge verliert. Noch einmal atmet er tief durch. Doch ehe er die Matte betritt, wendet er sich noch einmal um und wirft einen Blick auf den Laptop des Bundestrainers. Er überfliegt ein letztes Mal die Zeilen, dann schließt er für einen Moment die Augen, klatscht sich dann mit beiden Händen ins Gesicht und betritt die Matte. Das Finale beginnt. Sein russischer Gegner ist bald der Verzweiflung nahe, denn alle seine Angriffsversuche werden schon im Ansatz ausgekontert. Am Ende steht ein überlegener Sieg des deutschen Weltergewichtlers Alexander Leipold.

So könnte das Freistil-Finale in der Klasse bis 76 Kilogramm bei den Olympischen Spielen in Sydney etwa ablaufen. Das wäre dann nicht nur ein Erfolg für Leipold, einer der großen Hoffnungsträger der deutschen Ringer, sondern auch für das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig. Von dort kommen nämlich die letzten Tipps, die sich Leipold in diesem fiktiven Szenario per Laptop noch geholt hätte.

Die insgesamt zehn Ringer des Olympiaaufgebotes haben von den Leipzigern in den letzten Wochen jeweils eine spezielle CD erhalten, die den Athleten den Weg zu olympischem Edelmetall ebnen soll. Die Datenträger enthalten alle nur denkbaren Informationen für Angriffs- und Verteidigungstechniken aller Gegner, denen die deutschen Ringer in Sydney auf der Matte begegnen können. Dafür hat das Institut hunderte von Stunden Videomaterial durchgeforstet, um dann kurze und prägnante Videofiles zusammenzustellen. Herausgekommen ist dabei eine hoch differenzierte Datenbank. Jedem deutschen Ringer werden dabei nicht nur Stärken und Schwächen des Gegners mitgeteilt, sondern es werden auch seine eigenen Fehler und Pluspunkte beleuchtet. Im Idealfall handelt es sich sogar um Material aus Kämpfen, in denen die Kontrahenten zuvor schon aufeinander getroffen sind.

Im Trainingsmodus hat der Ringer nun die Möglichkeit, bestimmte Techniken zu analysieren und zu vergleichen. Beispielsweise erscheinen unter dem Stichwort Beinschraube alle Varianten der möglichen künftigen Gegner. So können bereits im Training ganz gezielt Abwehrtechniken entwickelt werden. Im Wettkampfmodus findet der Ringer dagegen genaue Grundprofile seines künftigen Gegners. Der Athlet erfährt dabei nicht nur, dass sein Kontrahent am Boden stark ist oder den Angriff aufs Bein bevorzugt. Es wird auch detailliert dargestellt, wie er den Angriff vorbereitet, wie und wann er antäuscht und wann er zuschlägt.

Freistilbundestrainer Wolfgang Nitschke meint: "Ich denke, dass das ein Vorteil ist, den wohl niemand in der Ringerwelt besitzt. Und diesen Vorteil sollten unsere Athleten auch sehr konsequent nutzen." Nitschke weiß genau, was ihm da seine Leipziger Sportfreunde in die Hand gegeben haben, denn konsequente Arbeit am Videorekorder ist nicht eines jeden Ringers Sache. "Es ist ja auch sehr zeitaufwendig, die richtigen Szenen aus dem Videomaterial von allen möglichen Turnieren herauszufiltern", räumt er ein.

Vizeweltmeister Alexander Leipold findet "die Idee gut und zeitgemäß". Ihm hat es vor allem der Wettkampfmodus angetan. "In einer Kampfpause habe ich jetzt innerhalb von einer Minute das Grundprofil und die wichtigsten Infos zu meinem Gegner", schildert er den Vorteil, der vielleicht nicht so groß, aber sehr entscheidend sein könnte. Zwar kennt der Weltergewichtler vom VfK Schifferstadt seine wichtigsten Gegner seit Jahren sehr genau, doch alleine die kurze visuelle Aufarbeitung eines entscheidenden Kampfes sieht er schon als Vorteil. "In der Weltspitze sind alle so eng beieinander, dass jedes Zehntel am Ende kampfentscheidend sein kann." Andere, wie der Schramberger Bantamgewichtler Othmar Kuhner, verfügen über weit weniger internationale Erfahrung. Für ihn ist es wichtig, seine künftigen Gegner erst einmal richtig kennen zu lernen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar