Rinkes Rauten (I) : Moritz Rinke: Der doppelte Löw

Der Dramatiker Moritz Rinke schreibt hier vor jedem EM-Spiel der deutschen Mannschaft. Heute über den Bundestrainer. Zwei Seelen wohnen, ach, in Jogis Brust. Welche wird sich heute gegen Polen durchsetzen: Die deutsche Angst-Seele oder die entrückte Sommermärchen-Seele?

Rinke
Moritz Rinke. Der Dramatiker ist Stürmer der Schriftsteller-Nationalmannschaft.Foto: Frank Zauritz/laif

Heute gegen Polen! Auch für mich ein sehr besonderes Spiel, denn alles, was ich bin, verdanke ich Polen.

Der Mann, der mich nicht durch das Diplom fallen ließ, heißt Professor Andrzej Wirth, Brecht-Schüler. Prof. Wirth war in seiner Jugend auch mit Johannes Paul dem Zweiten befreundet, konspiratives Elite-Gymnasium in Krakau! Marcel Reich-Ranicki, Johannes Paul der Zweite und mein Professor haben dann später im Studium die Frauen reihenweise in die Wiesen um Warschau gelegt, das waren Profis. Ich habe bei Prof. Wirth in Gießen „Angewandte Theaterwissenschaften“ studiert, aber das ist nur ein Synonym für polnische Lebenskunst.

Das Spiel heute Abend werde ich mir mit Ariane ansehen, einer jungen Galeristin aus dem Wedding und guten Freundin meines Professors. Sein Vater war übrigens Oberbefehlshaber der polnischen Artillerie in Monte Cassino, einer der größten Schlachten der Alliierten gegen Hitlerdeutschland. Marcel Reich-Ranicki hat sich auch angesagt, Günter Grass überlegt noch. Ich habe auch überlegt, ob ich die Seite vom polnischen „Super Express“ mitbringe, auf der ja der niederländische Trainer der Polen die Köpfe von Ballack und Löw in den Händen hält. Ich würde sie kurz vor Anpfiff hochhalten.

Ich weiß schon, was mein Professor sagen wird: „Regt euch nicht auf! Wie viel Polen steckt denn in Deutschland?“ – damals, beim WM-Gruppenspiel, trat er noch selbst mit Uniform an das Fernsehgerät und zeigte auf Miroslav Klose und Podolski: „Na, welchen Sinn macht noch die Artillerie meines Vaters?“ Er meinte damit: Kocht die polnisch-deutschen Spiele nicht so hoch! Uns allen bleibt nur Humor und Gelassenheit! Sogar Günter Grass nickte damals mit dem Kopf.

Kommen wir zum Spiel!

Klagenfurt ist eigentlich ein ziemlich humorloser Ort. Wer in Klagenfurt gewinnen will, muss vor allem alte deutsche Tugenden einsetzen: Disziplin, Fleiß und vor allem keine Spielfreude aufblitzen lassen. Wer so spielt, gewinnt den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis, eine hohe literarische Auszeichnung!

Vieles spricht im Löw-System für die Rückkehr des alten Denkens: Lehmann und Metzelder aufzustellen, spricht für Treue und Starrsinn. Spielt wenigstens Podolski im linken Mittelfeld? Haben wir Deutschen überhaupt Flügel? Was, wenn Lewandowski, der Gattuso Polens, Ballack stört? Gott sei Dank haben wir Frings!

Eigentlich stecken in Jogi zwei Seelen, die deutsche Angst-Seele und die entrückte Sommermärchen-Seele, ich bin gespannt, welche der beiden heute gewinnt. Löws Angst-Seele sagt sich: Mensch, Jogi, sind denn Poldi & Schweini noch progressiv? Hätte ich nicht neue Progressive mitnehmen müssen? Kann etwas progressiv sein, was schon vor zwei Jahren progressiv war? Statt des Wirbelwinds Marko Marin nehme ich den vergrippten Borowski mit, spielt der nicht genauso wie Hitzlsperger? Spielen nicht alle wie Hitzlsperger? Heute Nacht habe ich geträumt, ich komm zum Training und da stehen 22 Hitzlspergers mit Lehmann! Haben wir denn nix anderes?! (Angst essen Märchen auf)

Und Löws Sommermärchen-Seele: Was vor zwei Jahren funktioniert hat, muss auch jetzt funktionieren! Gut, die Abwehr hat zwei Jahre auf der Bank gesessen, aber 2006 war sie doch eingespielt, oder? Die spielt sich schon ein, Metze wird Ruhe ausstrahlen und Lehmann den Strafraum beherrschen. Und Lahm kommt wieder über die Flügel. Immerhin hat Löw angekündigt, mit einer „gewissen Frechheit“ ins Spiel gehen zu wollen,

Eigentlich fand ich auch die Wahl von Germany´s Next Topmodel unprogressiv. Die Frau sieht aus wie Schweinsteiger, Fritz, Hitzlsperger, Jansen und Podolski zusammen. Maße 84-67-93, aber schön, besonders, kreativ, überraschend? Nein, der deutsche Trend geht momentan ein bisschen in Richtung 84-67-93. So werden wir heute Abend in Klagenfurt ziemlich geist- und witzlos den Bachmann-Preis gewinnen.


Moritz Rinke ist Dramatiker und Autor des Tagesspiegels. Er spielt in der Autorennationalmannschaft im Sturm und schreibt hier vor jedem EM-Spiel der deutschen Mannschaft.

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