Rinkes Rauten (II) : Moritz Rinke: The Tragedy of Miroslav

Der Dramatiker Moritz Rinke schreibt hier vor jedem EM-Spiel der deutschen Mannschaft. Heute: Auch Stürmer stehen morgens im Badezimmer, ja, aber putzen sie sich auch die Zähne? Und ist es nicht so, dass Klose im Strafraum eigentlich Hamlet spielt?

Rinke
Moritz Rinke. Der Dramatiker ist Stürmer der Schriftsteller-Nationalmannschaft.Foto: Frank Zauritz/laif

Frings hat mir einmal etwas in Bremen in der Dieter-Burdenski-Lounge erzählt, als wir uns gerade wieder gegenseitig Haarbänder austauschten, ich spiele ja in der Autorennationalmannschaft immer mit Haarbändern von Frings und umgekehrt – plötzlich also sagte Frings: „Weißt du eigentlich, dass sich Luca Toni Freitagabends vor Spielen nie die Zähne putzt?“

„Nee, Torsten“, sagte ich, „woher soll ich das wissen? Ich bin vor Spielen nicht mit Toni auf’m Zimmer, sondern mit Thomas Brussig!“
„Schon klar“, sagte Frings, „ich weiß es ja auch nur von Podolski. Lukas sagt, dass sich Toni nicht die Zähne putzt, weil er dann am nächsten Tag dreckiger und gefährlicher spielt, alter italienischer Trick!“

„Hmm, echt?“, fragte ich, „Toni sieht aber eher so aus, als ob er sich den ganzen Tag die Zähne putzt?“

„Irrtum!“, meinte Frings, „während Toni schon im Bett liegt und sich vorstellt, wie er einlocht, steht Klose noch im Badezimmer und putzt sich die Zähne, darum spielt er auch immer schön ordentlich ab auf Toni, aber hast du aber mal gesehen, dass Toni auf Klose spielt?“
Nach dem Spiel gegen Polen habe ich darüber nachgedacht: Klose läuft allein auf das polnische Tor zu, er könnte mit rechts aus 16 Metern abziehen oder beschleunigen und nach links einen Haken schlagen, falls der Torwart herauskommt, um aus spitzerem Winkel einzuschieben, aber was macht er? Er spielt Gomez steil in den Lauf – entweder zu steil, weil in seinem Pass noch der Gedanke und somit die alleinige Tat des aus 16 Metern abgezogenen Balles steckt oder zu überraschend, weil ein Stürmerkollege wie Gomez, der zwar Schwabe ist, aber sich bestimmt auch nicht stundenlang die Zähne putzt, nicht davon ausgehen kann, dass der andere Stürmer nicht sein erstes EM-Tor schießen will.

Gestern und heute Morgen stand Klose vermutlich wieder in Klagenfurt vor dem Spiegel im Badezimmer, gedanklich natürlich im kroatischen Strafraum: „Abspielen oder Nicht-Abspielen? Putzen oder Nicht-Putzen? To be or not to be: that is the question.”
Klose hat ja auch unglaubliche Ähnlichkeit mit Laurence Olivier in „The Tragedy of Hamlet“, immerhin vier Oscars. Unvergessen wie Laurence Olivier, quasi kurz vor dem Tor des kroatischen Gegners, zu monologisieren anfängt:

Der angebornen Farbe der Entschließung / Wird des Gedankens Blässe angekränkelt / Und Wagesteine hohen Flugs und Werts / Durch die Rücksicht aus der Bahn gelenkt / Darum werd ich heute nicht zu Gomez flanken / Um am Ende doch nur Löcher in die Luft zu schlagen / Aus denen allein der Lukas Früchte trägt.

Als Stürmer der Autoren-Nationalmannschaft weiß ich, wovon ich rede.

Die Seele eines Stürmers kann sich schneller verdunkeln als alles andere. Schneller als der Himmel, schneller als die aufgewühlte See. Gerade das Dunkel, das von außen in den Stürmer hineingetragen und hineingeschrieben wird, ist ein schleichend schlimmes, schwarzes Gift: Er hat noch nie bei einer EM getroffen. 360 EM-Minuten seit 2004 ohne Treffer. Er trifft nicht gegen große Mannschaften, nur gegen Costa Rica oder Ecuador. Er hat nur einen wichtigen Treffer im Nationaltrikot erzielt, nur gegen Argentinien. Trifft er gegen Kroatien? Trifft er im Viertelfinale? Wann trifft er denn endlich?

Als Stürmer stehst du morgens vor dem Spiegel und wirst wahnsinnig.

Früher stand immer noch Kahn im Nebenzimmer und schrie die ganze Zeit: „Druck! Druck!! Druck!!! Ich brauch Druck!!!! Gebt mir Druck!!!!“

Als Stürmer brauchtest du da ein Zimmer weit von Kahn entfernt, sonst wurdest du irre bei dem Druck-Geschrei, da ist der Lehmann schon angenehmer, der steht wahrscheinlich die ganze Zeit da in Klagenfurt und denkt sich, scheiße, auch der Badezimmerspiegel flattert!

Zum Schluss noch eine kleine Liedzeile für Miroslav von den „Prinzen“: „Du musst ein Schwein sein“, gesungen natürlich von Laurence Olivier:

Miro, I was always friendly, sweet an nice/
And once again I see how it goes in life/
You have to be a Schwein in this world
Be a Schwein/
You have to be mean in this world/
Be mean/
Soon I’ll be sitting in the Bundestag
Bundestag/
You have to be a Schwein.

Auch ich werde singen, hoffen und wetten, heute wird er treffen!


Moritz Rinke ist Schriftsteller und Autor des Tagesspiegels. Er spielt in der Autoren-Nationalmannschaft und schreibt hier vor jedem EM-Spiel der Deutschen. Die ersten Folge "Der doppelte Löw" lesen Sie hier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar