Rinkes Rückrundenträume : Viva Werder!

Welch eine Rückrunde: Bremen überholt noch alle, Hoeneß (Uli) kann Hopp keinen Skandal anhängen, Favre wechselt Pantelic ständig aus – dabei ist der gar nicht mehr bei Hertha. Genau so wird es kommen, sagt der Dramatiker und Tagesspiegel-Kolumnist Moritz Rinke voraus.

Moritz Rinke
Moritz Rinke
Moritz Rinke.Foto: dpa

Auf einer Bank verschimmelt die Liga – auf einer anderen züchtet Hans Meyer Rosen

Werder wird doch noch Meister! Oft ist es beschrieben und herbeigesehnt worden und meist ist es dann auch eingetreten: das Wunder von der Weser. Ich bin in der Nähe dieses magischen Flusses groß geworden und im Weserstadion herangewachsen, an jener Biegung, wo der Fluss eine Rechtskurve macht und danach wieder eine Linkskurve. Und ich habe in der Zwischenzeit viele Flüsse gesehen, auch Stadien, Stadien mit Flüssen, Stadien ohne Flüsse, aber nichts ist vergleichbar mit dem Weserstadion, dem Wunderstadion am Meereszufluss.

Nun zur Rückrunde. Werder Bremen spielte eine wundersame: Wieder einmal waren es die Frauen, die Spielerfrauen, die sich kurz vor Silvester auf den Weserterrassen zusammensetzten und einen Rat abhielten. Die Männer waren verstritten, bildeten Grüppchen, und der hochkultivierte Manager traute sich nicht, knallhart durchzugreifen, weil man ja noch als der sympathischste Verein des ganzen Landes galt. Thomas Schaaf, der Trainer, hatte die ganzen Weihnachtstage stumm im Keller seines Reihenhauses verbracht; Frings ließ sich, anstatt den Weihnachtsbaum im beschaulichen Lilienthal zu schmücken, elf Totenköpfe auf den Oberkörper tätowieren, wo es bisher nur chinesische Lebenssymbole gab.

Wenn man lange in Bremen lebt, nimmt man die Gewohnheiten der Menschen an, selbst Brasilianer, Peruaner, Afrikaner und Portugiesen werden bremisch. Man spricht nicht miteinander außer „Moin“, frisst alles in sich hinein und tut nach außen hin immer so, als sei alles in Ordnung. Und dann, dann würgt man plötzlich in Karlsruhe jemanden und schlägt einfach kommentarlos zu.

Es waren also die Frauen, seltsamerweise allen voran Grit, die Freundin von Tim Wiese, die sich an der Uni in Bremen für Psychologie eingeschrieben hatte und ihren Freund nicht mehr ertragen konnte, wie er Heiligabend dasaß, sich in einer Weihnachtskugel spiegelte und dabei Hanteln stemmte, nicht mal das Kaugummi nahm er raus, als die Mutter von Grit eine Gans aus dem Ofen holte.

Zusammen mit Elisabeth, der Ex-Freundin von Mertesacker, die immer noch ein Herz für ihn hatte, organisierte Grit einen Aggressionskurs, bei dem alles im Januar herausgelassen wurde, was sich in den Jahren, in denen man zu bremisch geworden war, untereinander angesammelt hatte. Diego – der nicht nach Brasilien flog, weil er eine Affäre mit Sarah Connor aus Delmenhorst am Laufen hatte – Diego war die ganze Winterpause über beschäftigt mit Pasanen und Aaron Hunt im Sumoringkampf. Pizarro, Sanogo, Almeida und der Schwede Rosenberg traten solange gegeneinander im Kickboxen an, bis sie grünweiße Sterne sahen, Wiese und Fritz machten Karate ohne Rücksicht auf die Frisur.

Nur Thomas Schaaf, der schon mit Taekwondo beginnen wollte, musste in die fachliche Weiterbildung, seine Frau Astrid schenkte ihm zum Fest einen Defensivlehrgang auf Kreta in Otto Rehhagels neuer Taktikschule namens „Mach’s wie ich damals bei der EM in Portugal“. Elementare Dinge wurden dort vermittelt: näher am Mann stehen, Verschieben der Viererkette auf Kommando, auch mal Laufen ohne Ball und vorne mit Gott, hinten mit Beton. Und siehe da: erst noch ein dämliches 5:6 an der Weser gegen Bielefeld mit sieben Roten Karten, wieder Würgen und Schlagen. Dann, nachdem die Mannschaft wieder spielberechtigt war, nur noch 1:0-Siege in Serie. Es war wirklich ein Wunder, ein schmucklos, unspektakulär und sachlich dahinsiegendes Werder Bremen, mit nur einem kleinen Rückfall im Uefa-Cup-Endspiel gegen Zenit St. Petersburg (5:4).

Bayern München hatte damit überhaupt nicht gerechnet. Man hatte sich in der Winterpause schon auf einen Zweikampf mit der TSG 1899 Hoffenheim eingestellt und heimlich hinter verschlossenen Türen die ganze Winterpause über illegal beschaffte Hoffenheim-Videos geguckt: Was machen sie anders, was essen sie, wieso laufen sie schneller, wie leben sie dort, wie kommen wir da überhaupt hin zum Rückspiel, muss man da Landstraße fahren und wie viel Geld haben sie eigentlich, können wir die vielleicht doch einfach aufkaufen wie wir das sonst machen? Alles wegkaufen und auf der Ersatzbank verschimmeln lassen, Hauptsache, die anderen haben es nicht! (Alter fieser Bayern-Trick eben, damit er nicht auffällt, hat man ja die Rotation erfunden.)

Gegen Ende des Jahres hatte man noch mit sehr viel Dusel das Spiel gegen Hoffenheim gewonnen durch abgefälschte Glückstore und hohe, konventionelle Bälle, aber man wusste schon: Nicht Bayern, sondern Hoffenheim ist das neue Deutschland – innovativ, flache Hierarchien, keine verfetteten Strukturen mit Lobbyismus, kurz: Entschlackung, Spirit. Uli Hoeneß versuchte noch SAP-Hopp in einen Finanzskandal zu verwickeln, um die Mannschaft sperren zu lassen, was ihm nicht gelang, dann kaufte man wieder wie gewohnt ein. Die Ersatzbank sah schon sehr absurd aus Ende Januar als es wieder losging: Olic vom HSV, daneben Marko Marin aus Gladbach, den Hans Meyer noch vergeblich warnte und schüttelte; Helmes und Kießling aus Leverkusen, Westermann und Wichniarek aus Gelsenkirchen und Bielefeld, des weiteren Gomez, Grafite, Gentner, Liberopoulus, Lustenberger, Pantelic, Pander, Petric. Porcello, Pröll, man hatte wirklich das Gefühl, Hoeneß kauft systematisch nach dem Alphabet alles weg, auch bei den Torhütern machte Hoeneß tabula rasa: Adler, Drobny, Benaglio und Neuer plus Enke und Lehmann (!), man holte wieder Sepp Maier fürs Freizeitprogramm der Torhüter und auf der Bank war es nun so voll, dass der Manager verkündete, die Bayern-Bank sei nun die einzige Bank in Deutschland, der es nicht schlecht gehe.

Ein einziger nur verließ die Bank: Es war Podolski, im Tausch natürlich für Geld und Geromel, der zwischen Gomez und Gentner auf der Bayern-Bank Platz nahm. Podolski lief in Köln ein wie Obama ins Weiße Haus, aber beide brachen nach weniger als hundert Tagen unter den Erwartungen zusammen.

Zur oberen Tabelle: Bayern nutzte der kategorische Totaleinkauf nichts. Hoffenheim wurde mit Ibisevic, Ba und Obasi (insgesamt 148 Tore) Zweiter, knapp hinter den abgeklärten Bremern. Zum ersten Auswärtsspiel in der Gruppenphase der Champions League reiste die gesamte Bevölkerung von Hoffenheim ins Santiago-Bernabéu-Stadion, aber man bemerkte sie nicht, so klein war dieses bemerkenswerte Dorf, bis es aber ganz still wurde im königlichen Rund und man nur die 3000 Hoffenheimer hörte, deren Mannschaft gegen Real Madrid in Führung ging. In diesem Moment wusste man überall in der Welt: Deutschland hatte sich verändert, in Deutschland war was passiert.

Zuhause in der Liga hatte es Berlin geschafft, sich für den Uefa-Pokal zu qualifizieren, seltsam war nur, dass Favre, der Trainer, in jedem Spiel Pantelic auswechseln wollte, obwohl der ja gar nicht mehr da war. Favre hatte sich mittlerweile in eine derartige Pantelic-Paranoia hineingesteigert, dass er selbst bei jedem Spiel die Tafel mit der Nummer 9 ins Feld hielt, obwohl es da überhaupt keine Nummer 9 mehr gab.

Leverkusen und Wolfsburg qualifizierten sich ebenfalls für die internationalen Ränge, das war keine Überraschung mehr. Gladbach stieg leider ab. Mitte der Rückrunde begann Hans Meyer auf der Bank demonstrativ Rosen zu züchten, er hatte eine Hecke mitgebracht und schnitt sie so, dass sie im Verlauf der Rückrunde über die Ersatzbank hinüberwachsen konnte, er wollte den ganzen Mist, der auf der Bank saß, einfach nicht mehr sehen und ließ die schöne Rosenhecke drüber wachsen. Am Ende war diese Rosenbank eine schönere Bank als die Bayern-Bank, aber Schönheit zählt nun mal nichts im Profi-Geschäft.

Man kann sagen, was man will über Bayern, dennoch, kurz vor Saisonschluss, beim Spiel gegen Stuttgart, da geschah etwas unglaublich Schönes, ja Befreiendes: Franck Ribéry lief mal wieder mit seinem pinkfarbenen Schuhen umher, die mit jeden Rückrundenspiel immer pinkfarbener geworden waren. Dann nahm er dem Schiedsrichter die Pfeife ab, pfiff einmal kräftig hinein und rief:

„Iisssch, le roi, Fraaaanck Ribéry, möchte quelque chose sagen: Warum, pourquoi, iisssch haben Schuh so rosé, rosé?“

Es wurde ganz still in der Arena und alle Bayern dachten nach, aber sie kamen nicht darauf, bis der König plötzlich sagte: „Weil je suis homooosexüüüelllll!“

Dann winkte er allen zu: der Bayernbank mit ihrem Trainer, den bayerischen Fans, dem Bundestrainer auf den Rängen und der ARD-Sportschau, die plötzlich auch alle so roséfarbene Schuhe anhatten. Am Ende der Rückrunde trugen auf einmal alle diese Schuhe und der König, der auch ein Zauberer war, lächelte.

„Oh, mesdames et messieurs, war doch nur une Spaß. Eine Wiiiitz de Fraaaanck Ribéry.“

Dann gab er einen Traumpass auf Schweinsteiger, der passte zu Klose und Klose schoss ins Tor und alles war wieder gut.

Moritz Rinke ist Schriftsteller, Autor des Tagesspiegels und Stürmer in der Autoren-Nationalmannschaft.

Franck Ribérys pinke Schuhe – sie bekommen plötzlich

einen ganz neuen Sinn

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