Rio erhält die Spiele : Olympischer Samba

Rio de Janeiro feiert den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 und den Sieg über die Vereinigten Staaten, die trotz des Obama-Effekts verloren.

Tobias Käufer[Rio de Janeiro],Herbert Fischer-Solms[Kopenhagen]

Irgendwann fing der Präsident an zu weinen. „Wir sind das glücklichste Volk der Welt“, brachte Brasiliens Staatschef Luiz Inacio Lula da Silva hervor, ehe er sich vor der Weltpresse die Freudentränen aus dem Gesicht wischte. „Wir waren dran, und Gott hat uns geholfen.“ Es war der emotionalste Moment nach einer der emotionalsten Wahlen der Sportpolitik: Rio de Janeiro darf die Olympischen Spiele 2016 ausrichten. Erstmals kommt das größte Sportereignis der Welt nach Südamerika. So entschied das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Kopenhagen und stürzte die favorisierte Konkurrenz aus Chicago, der Heimatstadt des ebenfalls angereisten US-Präsidenten Barack Obama, in eine harte Niederlage.

Als IOC-Präsident Jacques Rogge die brasilianische Metropole ausrief, saß der geschlagene Obama längst in seiner Air Force One in Richtung Heimat (siehe Kasten). Beleidigt reagierte die US-Delegation. „Ich habe keine Ahnung, warum wir so früh rausgeflogen sind“, zeigte sich Chicagos Bewerbungschef Pat Ryan als schlechter Verlierer. Ein Blick hinaus hätte genügt, um den tiefgreifenden Unterschied zu erkennen. Ganz Brasilien bejubelte ausgelassen die olympische Premiere, während in den USA außerhalb Chicagos kaum jemand Notiz vom Versuch nahm, einmal mehr olympischer Gastgeber zu werden. Zehntausende „Cariocas“, wie sich die Einwohner Rios nennen, feierten am Strand der Copacabana den Triumph mit Konfetti, Caipirinha und Samba ohne Ende. Bis zum Sonntag soll hier noch durchgetanzt werden.

Die Südamerikaner hatten ganz auf Emotionen gesetzt und damit den ökonomischen Perfektionismus der USA geschlagen. Wer die brasilianische Delegation um Fußball-Ikone Pelé entfesselnd feiern sah, erkannte, wie sehr die Brasilianer den Erfolg herbeigesehnt hatten: „Ich kann gar nicht aufhören zu weinen“, schluchzte auch Pelé ergriffen. „Die Spiele gehören uns“, jubelte Rios Tageszeitung „O Dia“ euphorisch.

Dem Selbstbewusstsein der Lateinamerikaner, die sich oft vom so großen und so reichen Bruder aus dem Norden bevormundet fühlten, wird dies guttun. Kaum war Rio gekürt, trudelten zahlreiche Glückwünsche ein. Ob Kolumbiens konservativer Präsident Alvaro Uribe oder Venezuelas wortgewaltiger Linksausleger Hugo Chavez: Rios Ritterschlag sorgte für einen seltenen gemeinsamen Glücksmoment quer durch alle politischen Lager des sonst so zerstrittenen Kontinents. Lula da Silva ist mit dem Erfolg endgültig zum politischen Glückskind avanciert: Was er anpackt, funktioniert. Vor wenigen Wochen meldeten Experten gigantische Ölfunde vor der brasilianischen Küste, jetzt erhält Brasilien den Zuschlag für die Olympischen Spiele. Die wichtigsten ökonomischen Prognosen sehen Brasilien in den kommenden Jahren zu einer der führenden Wirtschaftsnationen der Welt aufsteigen.

Lula hatte in Kopenhagen das IOC mit dem Slogan überzeugt: Jetzt ist Südamerika mal dran. Nach zwei gescheiterten Bewerbungen hatte Rio seine Hausaufgaben besser gemacht als die Mitbewerber Chicago, Tokio und Madrid. Einige Sportstätten sind bereits fertig; und der ebenfalls nach Kopenhagen gereiste Chef der brasilianischen Staatsbank versprach wirtschaftliche Stabilität. Chicago dagegen setzte allein auf den Glanz des Ehepaars Obama. Das reichte nicht.

Rio de Janeiro wird nun zur wichtigsten Metropole Lateinamerikas aufsteigen. Und sie wird von 2014 bis 2016 so etwas wie die Sporthauptstadt der Welt sein. Fußball-Weltmeisterschaft und Olympische Spiele nacheinander – das gab es in der Sportgeschichte noch nie.

Nun beginnt für die brasilianischen Organisatoren die Arbeit: Milliardenschwere Versprechen müssen eingelöst, die gravierenden Sicherheitsprobleme behoben werden. Nach der Finanzkrise wird die Bezahlung der gewaltigen Infrastruktur-Projekte nicht leicht. Zudem wird die Öffentlichkeit in den nächsten Jahren verfolgen, ob der Staat die sozialen Probleme und die Korruption in Politik und Verwaltung in den Griff bekommt. Dazu wäre erst einmal eine tiefgreifende Reform der in weiten Teilen korrupten Polizei notwendig, die im Kampf gegen brutale Jugendgangs selbst längst jede Zurückhaltung aufgegeben hat. In den Chor der euphorischen Stimmen mischt sich deshalb bereits erste zarte Kritik. Viele Regionen befürchten, bei künftigen Investitionsvorhaben leer auszugehen.

An diesem Wochenende aber wird erst einmal weiter gefeiert, getanzt, gelacht und geweint. Als IOC-Chef Rogge die „technisch hervorragende Bewerbung“ Rios lobte, hatte Präsident Lula seine Freudentränen schon weggewischt. Und er sagte zum Sportdiplomaten Rogge: „Jacques, jetzt lachen Sie doch auch mal.“ Da lachten alle, sogar Rogge. Brasilianische Emotionen wirken eben ansteckend.

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