Sport : Risiko Berufsverbot

Profisportler mit ADHS können sich bisher oft nur mit Dopingmitteln helfen

Adelheid Müller-Lissner

Berlin - Auf den ersten Blick ist alles ganz einfach: Albas Basketballer Michael Wright leidet unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, kurz ADHS. Dagegen gibt es wirkungsvolle Medikamente. Die gehören zur Therapie, wirken allerdings normalerweise auch aufputschend. Die Medikamente helfen – oft erst im Zusammenhang mit Umstellungen im Lebensstil und einer Psychotherapie – Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, mit der Störung ein relativ normales Leben zu führen.

Auch der zweite Blick zeigt, für sich genommen, ein klares Bild: Im Blut des Alba-Spielers wurden Amphetamine gefunden. Inhaltsstoffe von Aufputschmitteln. Dopingmittel also, die im Blut von Wettkampfsportlern nichts zu suchen haben. Folglich wurde Michael Wright für zwölf Spiele gesperrt.

Zwei Blickwinkel, ein Problem. Denn Amphetamine, wie Wright sie genommen hat, aber auch das in Deutschland meist verordnete ADHS-Mittel Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, sind stimulierende Substanzen, wirken also normalerweise aufputschend. Sie sorgen dafür, dass im Gehirn die Konzentration des Botenstoffs Dopamin ansteigt. Bei Menschen mit ADHS wirken sie jedoch anders als bei Gesunden: Sie schwächen den Bewegungsdrang ab, machen ruhiger und ermöglichen eine bessere Konzentration. Mediziner sprechen von einer paradoxen Wirkung. Offensichtlich machen die Mittel nicht abhängig. Für die Wirkung ist also wichtig, wer das Mittel nimmt, ob ein Gesunder oder ein ADHS-Patient.

Im Sport gibt es für Kinder und Jugendliche mit ADHS, die das Mittel brauchen, Ausnahmegenehmigungen auch für Wettbewerbe. Dass Kinder unter ADHS leiden können, ist heute allgemein bekannt. Doch lange ging man von der Vorstellung aus, dass sich die Störung mit den Jahren „auswächst“ und ganz verliert. Einer amerikanischen Studie zufolge leiden jedoch elf Prozent der Menschen, bei denen die Störung in der Kindheit und Jugend diagnostiziert wurde, auch im Erwachsenenalter noch unter einigen Symptomen. Doch das Erscheinungsbild verschiebt sich. „Bei Erwachsenen nimmt die motorische Unruhe meistens ab“, sagt Charité-Psychiater Michael Colla, der am Campus Benjamin Franklin eine Spezialambulanz für ADHS bei Erwachsenen leitet.

Für einen Sportler ist der Bewegungsdrang aber meist ohnehin nicht das Hauptproblem. „Bei erwachsenen Patienten sind oft die exekutiven Funktionen gestört, also alles, was zur Ausführung von Plänen wichtig ist“, erklärt Colla.

Aber kann man so überhaupt auf hohem Niveau einen Mannschaftssport wie Basketball betreiben? „Das ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung“, sagt der Psychiater. Und von der Behandlung. Stimulanzien haben eine Erfolgsrate von etwa 70 Prozent, „und sie steigern die Leistungsfähigkeit keineswegs über das normale Maß hinaus, sondern bewirken im besten Fall eine Angleichung an den Zustand Gesunder.“ Für Sportler mit ADHS laufe es faktisch auf ein Berufsverbot, zumindest aber auf eine Diskriminierung hinaus, wenn man ihnen die Mittel verbiete, findet der Mediziner.

Bleibt die Frage, ob die Diagnose auch nur vorgetäuscht sein könnte, um mit einer plausiblen Begründung an das leistungssteigernde Amphetamin zu kommen. Ohnehin fürchten ja viele Beobachter, dass heute viel zu leichtfertig ein Mensch als „hyperaktiv“ eingestuft wird. Inzwischen gibt es aber eine ganze Serie von Tests, mit denen sich die Diagnose erhärten lässt. „Wenn man das ordnungsgemäß macht, ist es keine schwammige Diagnose“, sagt der Experte Colla. Zudem mehren sich die Hinweise darauf, dass die Form von ADHS, die im Erwachsenenalter fortbesteht, genetische Ursachen hat.

Es kann sein, dass zumindest die Doping-Frage sich bald von selbst erledigt. Seit dem 1. März ist in Europa die Substanz Atomoxatin zugelassen. Sie erhöht die Verfügbarkeit des Hirnbotenstoffs Noradrenalin. Weil die Studien sich vorwiegend auf Heranwachsende beziehen, dürfen Erwachsene diese Mittel bisher aber nur nehmen, wenn sie schon vor dem 18. Lebensjahr damit behandelt worden sind.

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