Sport : Riss im Band

Die Fußball-Bundesliga-Saison ist erst eine Woche alt – und schon fehlen rund 50 Profis wegen Verletzungen

Stefan Hermanns

Berlin. Als Karlheinz Pflipsen aus der Narkose erwachte, hatten die Ärzte eine schlechte Nachricht für ihn: Bei der Operation an seinem linken Knie hatten die Mediziner einen Riss des Kreuzbandes festgestellt. „Da hat keiner mit gerechnet“, sagt Pflipsen, „am wenigsten ich.“ Damals, in der Saison 1994/95, hatte Pflipsen vor der Operation noch fünf Bundesligaspiele für Borussia Mönchengladbach bestritten. Mit gerissenem Kreuzband. „Wahrscheinlich hat meine Muskulatur das Knie noch stabilisieren können.“

Eine gut ausgebildete Muskulatur kann das Knie stützen und die Funktion des Kreuzbandes zum Teil übernehmen. Nur deshalb ist es möglich, dass Fußballer bereits sechs Monate nach einem Kreuzbandriss wieder trainieren. Wilfried Kindermann, Chefarzt des deutschen Olympiateams, beobachtet gelegentlich „einen regelrechten Wettbewerb, die Pause nach einer solchen Verletzung möglichst kurz zu halten“. Nach Ansicht von Heinz Birnesser müsste die Rehabilitationszeit viel länger dauern. „Nach einem halben Jahr hat das Band noch keine 100-prozentige Festigkeit“, sagt der Chefarzt der Sportorthopädie an der Uniklinik in Freiburg. „Erst nach einem oder anderthalb Jahren ist das Gewebe wieder so fest wie früher.“ Das erklärt, warum bei so vielen Spielern kurz nach ihrer Genesung erneut das Kreuzband reißt. In der vorigen Saison war das so bei Jens Nowotny (Leverkusen), Hasan Salihamidzic (Bayern München) und Manuel Friedrich (Bremen).

Allerdings erklärt das nicht, warum sich in diesen Wochen die Kreuzbandrisse so auffällig gehäuft haben. Sechs sind es schon seit Beginn der Saisonvorbereitung; keiner dieser sechs Spieler ist Wiederholungspatient, weder Jörg Böhme (Schalke), Hany Ramzy (Kaiserslautern) oder Jiayi Shao (1860 München) noch die drei Dortmunder Evanilson, Torsten Frings und Guy Demel. „Das sind sicherlich Zufälle“, sagt Birnesser, der unter anderem die Radprofis vom Team Telekom medizinisch betreut. Allerdings könne es sein, „dass die Spieler bereit sind, größere Risiken einzugehen, um ihre Stammplätze zu sichern“. Der Sportorthopäde hat beobachtet, dass sich Fußballer möglichst schnell wieder fit melden, „weil sie Geld verdienen wollen“.

In wirtschaftlichen Krisenzeiten wie dieser, in denen rund 200 Fußballprofis arbeitslos sind, scheint die Risikobereitschaft höher zu sein als früher. Die führt offensichtlich nicht nur zu Kreuzbandrissen, sondern auch zu vielen anderen Verletzungen. Rund 50 Spieler fehlen den 18 Bundesligisten zurzeit. Dabei ist die Saison gerade eine Woche alt. Im vergangenen Jahr war es nicht anders. An der zu hohen Belastung durch Liga-, Länder- und Europacupspiele kann das in diesem Stadium der Saison eigentlich nicht liegen.

Ewald Lienen, Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat die kurze Regenerationsphase nach Saisonende und die „zerrissene Vorbereitung“ heftig kritisiert: „Für mich ist es eine eklatante Fehlplanung, wenn nach dem Saisonende noch EM-Qualifikationsspiele angesetzt werden, und es ist völlig unverständlich, dass in Deutschland bereits Anfang August die Saison wieder beginnt.“ In anderen Ländern dauere die Sommerpause schließlich auch einige Wochen länger. Durch die Länderspiele hat der Urlaub für die Nationalspieler erst Mitte Juni begonnen, Ende des Monats haben die ersten Vereine schon wieder das Training aufgenommen.

Die Nationalspieler, die ohnehin stärkeren Belastungen ausgesetzt sind, hatten dadurch noch weniger Urlaub. Wilfried Kindermann sagt: „Die Sommerpause, sprich der Urlaub, sollte mindestens drei Wochen, günstigstenfalls vier Wochen betragen.“ Das aber wird durch den dichten Terminplan immer unrealistischer. In diesem Jahr fand von Mitte bis Ende Juni auch noch der Konföderationencup statt. „Lächerlicher kann man es doch nicht machen“, sagt Lienen.

Eine geordnete Vorbereitung war für viele Vereine gar nicht möglich. „Die Vorbereitungsperiode ist eine sensible Phase, weil naturgemäß versucht wird, möglichst viel in diese Wochen zu packen“, sagt Kindermann. Das gilt vor allem dann, wenn ohnehin wenig Zeit zur Verfügung steht. Kindermann hält Überbelastungen für möglich, die das Verletzungsrisiko erhöhen könnten. Die meisten Nationalspieler sind mit Verspätung ins Training eingestiegen, „sie brauchen noch etwas, bis sie ihr Topniveau erreicht haben“, sagt Ewald Lienen. Bei den Bayern etwa sitzen die französischen Nationalspieler Lizarazu und Sagnol, die beim Konföderationencup zum Einsatz gekommen sind, zurzeit nur auf der Bank. Wilfried Kindermann fordert, „in der Vorbereitung nicht zu viel zu wollen und dem einen oder anderen Spieler etwas mehr Zeit zu gönnen“. Bei den Bayern, die viele Positionen doppelt gut besetzt haben, mag das gehen. Bei den meisten anderen Vereinen nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben