Sport : Risse im Herzen

Zwischen Michael Schumacher und Ayrton Senna blieb vieles ungesagt

Frank Bachner

Imola. Die Frage kam, und Michael Schumacher hatte sich schnell im Griff. Einen Moment sah es so aus, als wollte er sich hinter dem schmalen Mikrofon verstecken. Er zog die Schultern ein, der Blick verdüsterte sich, die Mundwinkel zogen sich nach unten. Dann blickte er wieder nach vorn, zu den Journalisten. Und die sahen und hörten den Medienprofi Schumacher. Auch jener englische Reporter, der gefragt hatte: „Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ayrton Senna denken?“ An einen exzellenten Formel-1-Piloten. An einen Mann, der keinem Duell aus dem Weg ging. Standardantworten. Michael Schumacher wusste, dass die Frage kommen würde, hier, beim Großen Preis von San Marino, bei dem er heute erstmals in dieser Saison hinter Jenson Button nur von Rang zwei aus startet. Senna, die Formel-1-Legende, war hier vor zehn Jahren an einer Begrenzungsmauer tödlich verunglückt. Schumacher war damals direkt hinter ihm gefahren. „Er hatte sich auf diese Frage innerlich vorbereitet“, sagt Sabine Kehm, Schumachers Sprecherin. „Deshalb war er auch so gefasst.“

Vor drei Wochen war er nicht vorbereitet. Da saß er beim Großen Preis von Bahrain in der Pressekonferenz und rechnete mit Fragen zum Rennen. Dann stand ein australischer Reporter auf und fragte nach Schumachers Erinnerungen an Senna. Schumacher erstarrte, dann arbeitete es in ihm. Sabine Kehm beobachtete ihn. „Du hast gesehen, wie er verzweifelt versuchte, sich im Griff zu behalten. Ich hatte den Eindruck, er kämpft gegen Tränen“, sagte sie. Und Schumacher erklärte: „Sorry, ich kann jetzt dazu nichts sagen.“ Dann drehte er sich ab.

Das Verhältnis von Senna und Schumacher ähnelte einer Beziehung zwischen einem jüngeren und älteren Bruder. Es ging um Bewunderung, Neid und Macht. Durch Sennas frühen Tod blieb vieles ungeklärt. „Ich habe das Gefühl, dass Michael noch vieles gerne ausgeräumt hätte“, sagt Sabine Kehm. Schumacher redet über so etwas öffentlich gar nicht. Nur über seine erste Begegnung mit Senna. 1980, bei einem Kartrennen in Belgien. Der damals 11-jährige Schumacher bewunderte den neun Jahre älteren Brasilianer. Aber er hatte keine Gelegenheit, ihm zu sagen, wie toll er ihn fand. Als er Senna das nächste Mal traf, wollte er es ihm nicht mehr sagen. Denn nun, 1991, war Schumacher in die Formel 1 vorgestoßen. Er war ein ehrgeiziger, fast rücksichtsloser Fahrer, der vor niemandem Respekt zeigen wollte, auch nicht vor dem Weltmeister Senna.

Sabine Kehm erinnert sich, wie Schumacher einmal sagte: „Ich konnte doch Senna damals nicht sagen, wie sehr ich ihn bewundere. Wir waren doch Konkurrenten.“ Schumacher beschimpfte Senna beim Grand Prix 1992 in Sao Paulo vor der versammelten brasilianischen Presse als rücksichtslosen Fahrer. Senna packte seinerseits den jungen Deutschen drei Monate später bei Tests in Hockenheim in der Box am Kragen. Schumacher hatte ihn zuvor auf der Strecke provoziert. Danach sprachen die beiden 20 Minuten miteinander. Das Ergebnis war eine Art Friedensvertrag. Knapp zwei Jahre später war Senna tot. Und Schumacher geschockt. „Nach Sennas Tod hat er sich kurz überlegt, ob er den Sport weiter ausüben kann“, sagt Sabine Kehm. Er ging nicht zu Senna Beerdigung, weil er nicht vor Fernsehkameras trauern wollte. Stattdessen besuchte er 1995, vor dem Grand Prix von Brasilien, Sennas Grab. Nur seine Frau war dabei, sonst niemand.

Jahre später löste das Stichwort Senna einen fast historischen Auftritt aus. Monza, 2000, Schumacher gewinnt den Großen Preis von Italien. Dann sagte ein Journalist: „Glückwunsch, jetzt haben Sie genauso viele Siege wie Ayrton Senna.“ Da stieg in Schumachers Hals ein Kloß hoch. „Das kantige Gesicht wurde noch zehnmal kantiger, weil er so verzweifelt gegen die Tränen kämpfte“, sagt Sabine Kehm. „Und dann begann er zu weinen. Ich dachte, ich sehe nicht recht.“ Nie zuvor und nie danach hat sich Michael Schumacher in der Öffentlichkeit so unkontrolliert, so menschlich gezeigt.

In Imola sagte Schumacher jetzt: „Es war eine Ehre für mich, gegen Senna zu fahren.“ Er sagte es routiniert, aber wahrscheinlich hat er es pathetisch gemeint.

Das Rennen startet um 14 Uhr, der Fernsehsender RTL überträgt ab 11 Uhr.

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