Sport : Rivaldo der Göttliche (Glosse)

Helmut Schümann

Es war diese Szene inmitten der Verlängerung. Gerade war ein Angriff von Chelsea in Richtung Tor des FC Barcelona gebrandet, Rivaldo konnte klären. Er stand dabei etwa einen Meter vor dem eigenen Tor und schlug den Ball. Nein, das ist verkehrt: Rivaldo schlägt den Ball nicht weg, er drischt ihn auch nicht. Er tut ihm keine Gewalt an. Rivaldo lässt ihn tanzen, auf dem Fuß, auf dem Knie, einmal, zweimal, dreimal, dann schickt er ihn auf die Reise. Wie er das macht? Bei einem Lyriker priese man vergleichsweise das Versmaß. Und der Freund des Fußballs kniet nieder, möchte weinen vor Glück, weil Fußball so schön sein kann.

Nun gibt es ja bedauernswerte Tröpfe, die Fußball, dem Spiel aller Spiele, nichts abgewinnen. Ach, die Armen, sie wissen nicht mal, was sie verpassen. Dienstagabend etwa, das Champions-League-Spiel zwischen Barcelona und Chelsea. Und mittendrin Rivaldo, den Brasilianer. Die Ignoranten haben auch Figo verpasst, Kluivert, Guradiola, allesamt Menschen, die mit dem Ball Dinge tun, von denen Bundesliga-Profis nicht mal ahnen, dass man sie machen kann. Aber vor allem haben sie Rivaldo nicht gesehen.

Rivaldo, der Göttliche. Zumindest glaubt er, es zu sein. Nur einer, der bis zur Hybris von sich überzeugt ist, wagt, was er in besagter Szene in Bedrängnis vor dem eigenen Tor wagte. Er war doch schon eigentlich der Versager des Spiels gewesen. Hatte fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit einen Elfmeter verschossen, hatte also vor 98 000 Zuschauern das Tor verfehlt, das sein Team vorzeitig ins Halbfinale gebracht hätte. Er hat danach ein Gesicht gemacht, wie wahrscheinlich Gott nach dem Sündenfall. Nach so einem Fehlschuss, der neben Ruhm und Ehre auch Millionen verschludert, schießen Normalsterbliche nie wieder Elfmeter. Aber Rivaldo ist eben anders, schoss später noch einmal, traf dann, ließ anschließend den Ball tanzen - und mit ihm die Herzen der Fußballfreunde.

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