Sport : Rivalen auf Augenhöhe

Beim Fankongress in Berlin diskutieren Fußball-Anhänger miteinander – und mit Funktionären.

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Gemeinsame Sache. Mehr als 500 Fans kommen zur Tagung nach Berlin. Foto: dpa
Gemeinsame Sache. Mehr als 500 Fans kommen zur Tagung nach Berlin. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Ein Wochenende lang soll alle Rivalität ruhen – es geht um Wichtigeres. Fans von Hertha BSC und dem 1. FC Union werden genauso friedlich miteinander diskutieren wie Anhänger des FC St. Pauli und des HSV. Beim Fankongress am Samstag und Sonntag in Berlin geht es eben nicht um Gegensätze, sondern um Gemeinsamkeiten. Mehr als 500 Fußballfans von 63 Vereinen haben sich angemeldet, um im ehemaligen Kosmos-Kino an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain über Themen zu diskutieren, die sie alle gleichsam beschäftigen: über die Kommerzialisierung ihres Sports, Stadionverbote, Pyrotechnik oder die Selbstregulierung in den Kurven.

Niemand soll dabei ausgeschlossen sein. „Wir haben besonderen Wert darauf gelegt, dass das ganze Spektrum der Fans dabei ist“, sagt Mitorganisator Johannes Mäling von der Kölner Ultra-Gruppierung Coloniacs. Die Idee zum Kongress wurde bei der Fandemo im Herbst 2010 in Berlin geboren, anders als damals werden an diesem Wochenende auch diejenigen zu Wort kommen, die zumeist im Zentrum der Fankritik stehen: der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL). Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert wird am Sonnabend zum Thema Stadionverbote auf dem Podium sitzen, DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus diskutiert mit Fans über Anstoßzeiten. „Es ist sehr wichtig für uns, dass DFL und DFB teilnehmen“, sagt Mäling. „Es geht darum, einen ernsthaften Dialog anzustoßen und auf Augenhöhe zu diskutieren.“

Große Lefert glaubt, dass ihn bei aller Kritik der Fans eine sachliche Atmosphäre in Berlin erwartet: „Bei aller Emotionalität – ich erwarte, dass man da konstruktiv arbeiten kann.“ Verband und Liga hatten zuletzt der partiellen Legalisierung von Pyrotechnik eine klare Absage erteilt und damit Hoffnungen der Ultra-Szenen enttäuscht, wollen aber weiter in der Diskussion mit den Fans bleiben. Am Dienstag hatten DFL und DFB in der Pyrotechnik-Debatte sogar Fehler eingeräumt – von einer Entspannung kann trotzdem keine Rede sein. Gestern kritisierte die Initiative ProFans, die maßgeblich an der Organisation der Tagung beteiligt ist, eine von den Verbänden in Auftrag gegebene Umfrage, nach deren Ergebnis 84,4 Prozent der befragten „Fußballinteressierten“ Pyrotechnik in den Stadien ablehnen. Schon die Fragestellung in der Umfrage sei „suggestiv“ gewesen, und „spiegele nicht die Komplexität wider, welche das Thema insgesamt aufweist“, hieß es in einer Erklärung von ProFans. Es gibt also mehr als genug Gesprächsbedarf an diesem Wochenende. Dafür reisen auch die Fanbeauftragten von Liga und Verband an, um über den „rechtsfreien Raum Stadion“ zu sprechen. Am Sonntag sollen auch ausländische Fans zu Wort kommen, Fußball-Anhänger aus Norwegen, Italien, der Türkei oder England berichten von den Erfahrungen in der Heimat.

Ein klares Ziel haben sich die Veranstalter nicht gesetzt, als Grundgedanken haben sie eine Frage formuliert: Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei? Organisator Johannes Mäling weiß ohnehin, dass er und seine Mitstreiter einen langen Atem benötigen werden: „Auch wenn der Kongress super verläuft, werden erst die Monate danach zeigen, ob er sich wirklich gelohnt hat.“

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