Sport : Robert Bartko: Ausfahrt Bernau-Wandlitz

Ernst Podeswa

Eine fiktive Situation: Beim Klassiker Mailand - San Remo 2001 hat sich eine Spitzengruppe formiert, darin nur ein Renner im Telekom-Trikot. Die Stars Erik Zabel und Jan Ullrich liegen zurück. Der Telekom-Begleitwagen schliesst zur Spitze auf, und Walter Godefroot fordert seinen Angestellten auf, sich zurückfallen zu lassen. Um Zabel und Ullrich nach vorn zu schleppen. Ein klassischer Fall: Der Wasserträger verzichtet auf die eigenen Chancen und opfert diese der Hierarchie im Team.

Robert Bartko könnte bald dieser Konstellation ausgesetzt sein. Der 24-Jährige vom SC Berlin hat bei Telekom einen vom 1. Januar geltenden Zweijahresvertrag unterschrieben. Doch der Berliner ist nicht irgendwer. In Sydney gewann er Gold in der Einer- und Viererverfolgung über 4000 m und war mit der Kanutin Birgit Fischer erfolgreichster deutscher Teilnehmer. Im Vorjahr hatte er seine Ausnahmestellung als Doppel-Weltmeister unterstrichen. Dennoch sagt der gebürtige Potsdamer zur fiktiven Situation, ohne mit der Wimper zu zucken: "Klar, ich würde mich zurückfallen lassen und meinen Job als Helfer erledigen. Dafür habe ich einen Kontrakt bei einem erstklassigen Rennstall bekommen, das wird zunächst meine Aufgabe sein. Und die will ich bestmöglich erfüllen."

Heute müssen die Kollegen bei den Bahn-Weltmeisterschaften in Manchester ohne ihn versuchen, den 1999 errungenen WM-Titel erfolgreich zu verteidigen. Warum? "Ich habe mir eine Erkältung bei der Hessen-Rundfahrt zugezogen und konnte zehn Tage nicht trainieren. So kann ich nicht das geben, wozu ich imstande bin."

Doppel-Olympiasieger- und Weltmeister - mit dieser Ausgangsposition hat noch nie ein deutscher Radsportler den Doppelwechsel von der Bahn auf die Straße und von den Amateuren zu den Profis unternommen. Parallelen sind mit Dietrich Thurau und Gregor Braun durchaus gegeben. Verfolgungs-Weltmeister bei den Amateuren und später zeitweilig in Gelb bei der Tour de France fahrend der eine, Bahn-Olympiasieger und vor allem bei den Klassikern auftrumpfend der andere. Aber viele sind auch gescheitert. Hatte Bartko nie Zweifel über seine Entscheidung, die er als die "bisher wichtigste in meiner Karriere und in meinem Leben" bezeichnet? "Das schon. Aber ich habe mir die Sache gründlich überlegt. Als Amateur habe ich alles erreicht. Nun beginnt ein neuer Abschnitt, und ich betrachte das als Herausforderung. Dabei kann ich mein Hobby zum Beruf machen und werde noch ganz gut bezahlt." Und er traue sich zu, seiner Rolle als "Edeldomestike" gerecht zu werden. "Robert kann sich gut in eine Mannschaft einfügen. Im Training haben wir die Belastung an Grenzbereiche heranbewegt. Ich bin überzeugt, dass er seinen Weg bei den Profis gehen wird. Wohin, das wird man erst nach einem Jahr sagen können", sagt sein Trainer Uwe Fresse (42), der ihn seit rundacht Jahren betreut.

Freese sieht seinen Meisterschüler - 1,86 m groß, 79 kg - als Rennfahrer irgendwo zwischen dem Sprintas Zabel (30) und dem Berg- und Zeitfahrkönner Ullrich (26) angesiedelt. "Robert bringt Schnelligkeit mit und ist ein sehr guter Zeitfahrer. Er wird aber nie ein Sprinter wie Zabel und wegen seiner Größe und wegen des Gewichts nie ein Bergspezialist wie Ullrich werden." Wie Bartko sieht Freese dessen Möglichkeiten vor allem bei Eintages-Klassikern und " bis mittelschweren Rundfahrten". Bartko wird in diesem Jahr auf etwa 25 000 km per Rad kommen. Davon entfalle etwa ein Drittel Wettkämpfe (Bahn/Straße) und zwei Drittel auf das Training. "Das dürfte sich bei den Profis umkehren. Weil die Strecken länger und die Rennen viel mehr werden." Fürchtet er nicht im dopingbelasteten Radsport mit in den Strudel gerissen zu werden? "Nein. Das ist immer abhängig davon, was ich mit mir lassen mache." Und das tut er nicht, was 1996 zum Ausschluss aus dem Nationalkader führte. Bartko kritisierte nach dem neunten Rang von Atlanta Bundestrainer Oehme, worauf dieser ihn mobbte. Jener musste bald gehen, und Bartko kehrte stärker denn je zurück.

Seine nächsten Auftritte sind bei den Sechs-Tage-Rennen im November in Dortmund und München. Auf Berlin "mit der einmaligen Atmosphäre" im Januar verzichtet er, fliegt mit Telekom zur Saisonvorbereitung nach Mallorca. Bartko will im Gegensatz zu Zabel (Unna) oder Ullrich (im Schwarzwald) seinen Wohnsitz in Neuenhagen bei Berlin lassen, wo seine Freundin lebt. Zwischen den Rennen wird er sich bei seiner alten Trainingsgruppe einfinden. Da geht es vom Sportforum Ausfahrt Bernau-Wandlitz zum Werbellinsee und zurück.

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