• Roberto Rivelino im Interview: „Die WM ist eine verpasste Chance für Brasilien"

Roberto Rivelino im Interview : „Die WM ist eine verpasste Chance für Brasilien"

Roberto Rivelino nahm mit der brasilianischen Nationalmannschaft an drei Weltmeisterschaften teil und wird noch heute als einer der größten Fußballer des Landes verehrt. Im Interview spricht er über Proteste bei der Weltmeisterschaft, die Fifa und das Image seines Heimatlandes.

von
Die Krönung einer Fußball-Epoche. Rivelino besiegt mit Brasiliens Nationalmannschaft 1970 im Weltmeisterschaftsfinale von Mexico-Stadt Italien mit 4:1. Foto: Imago
Die Krönung einer Fußball-Epoche. Rivelino besiegt mit Brasiliens Nationalmannschaft 1970 im Weltmeisterschaftsfinale von...Foto: Imago

Herr Rivelino, gestatten Sie, mit der einfachsten Frage anzufangen: Wer wird Weltmeister?

Es gibt eine Menge Teams, die um den Titel spielen. Aus Südamerika Brasilien und Argentinien, aus Europa Spanien und Deutschland. Weil es so offen ist, spricht viel dafür, dass der Fußball heute nicht auf dem höchsten Niveau gespielt wird. Es gibt kaum einen wirklich spannenden Spieler mehr.

Und wie sieht es für die brasilianische Mannschaft aus?

Natürlich ist Brasilien der Favorit, weil wir auch Gastgeber sind, aber die beste Mannschaft haben wir nicht. Im brasilianischen Team gibt es nur einen richtig talentierten Spieler: Neymar. Die anderen Spieler sind nur taktisch gut. Der Kader, den Trainer Luis Felipe Scolari nominiert hat, war zu erwarten. Ich habe viel Respekt vor ihm, aber ich hätte andere Spieler nominiert. Das habe ich ihm auch schon gesagt. Nur Neymar ist wirklich begabt, die anderen Spieler haben nur die Aufgabe, ihn zu unterstützen. Spieler wie Dante und Luiz Gustavo spielen auch dabei ihre Rolle, allerdings eine kleinere, weil sie in der Defensive spielen.

Was sagen Sie zu den politischen Problemen rund um die Weltmeisterschaft? Ist das Turnier schlecht für Ihr Land?

Die WM ist bis jetzt eine verpasste Chance für Brasilien. Es hätte etwas Großes sein können, aber das Geld wurde in allen Bereichen verschwendet. Wir haben nur vier Stadien, die gut sind, und das Maracana zählt nicht dazu. Es gibt keine Nachhaltigkeit. Null.

Ist daran wirklich der Weltfußballverband Fifa schuld?

Die Fifa interessiert sich nur für Geld, nicht für den Fußball, nicht für die Leute. Fußball ist das Spiel des Volkes – es ist aber dem Volk weggenommen worden.

Finden Sie denn die Proteste gegen die Austragung der WM gerechtfertigt?

Das ist schwierig zu sagen. Ich kann die Proteste verstehen, aber die Brasilianer haben eigentlich zu spät angefangen, zu protestieren. Wir hätten schon 2007 die Probleme sehen müssen, als die WM an uns vergeben wurde. Damals haben aber alle nur gefeiert. Jetzt kann man kaum noch etwas tun, weil das Geld schon ausgegeben wurde. Die Fehler kann man nicht mehr gutmachen, dazu ist diese Show einfach zu groß. Nehmen wir den Confederations Cup: Man kann zwar protestieren, aber der Show kann man nicht wirklich schaden. Ausschreitungen und Gewalt sind sowieso nicht der richtige Weg. Die Brasilianer sind ein friedliches Volk, und alle Proteste müssen auf die richtige Art und Weise ausgetragen werden.

Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sagt, dass Fans vorsichtiger als sonst sein sollen, wenn sie nach Brasilien kommen. Man könne nicht am Strand schlafen . Ist Brasilien ein gefährliches Land?

Es ist mir egal, was einer wie Jérôme Valcke sagt. Im Moment schaut jeder auf Brasilien und jeder sieht Probleme. Aber so viel Gefahr gibt es einfach nicht.

Was würden Sie stattdessen den anreisenden Fans aus aller Welt sagen?

Zu allen Fans, die zur WM nach Brasilien fahren wollen, würde ich sagen: Brasilien ist ein Party-Land. Kommen Sie, sehen Sie selbst. Hier feiern die Leute, hier sind Sie herzlich willkommen. Es gibt Gefahr, natürlich, aber nicht mehr als anderswo.

Das Magazin „Der Spiegel“ erschien neulich mit der Überschrift „Tod und Spiele“ auf der Titelseite. Es wurde berichtet, dass während eines Polizeistreiks in Bahia rund 40 Leute umgekommen seien. Wie können Sie da sagen, dass es nicht gefährlich wird?

Ich habe nichts gehört von diesen Toten. Wenn das richtig ist, dann ist es eine Tragödie. Aber was haben solche Dinge und ein Polizeistreik mit dem Fußball zu tun? Wegen der WM wird alles übertrieben und alles mit dem Fußball verbunden. Aber diese Probleme haben nichts mit dem Fußball zu tun. Es gibt überall in der Welt Probleme und Gefahr. Warum sagt man, dass Brasilien besonders gefährlich ist? Beim Fußball gibt es sogar weniger Probleme in Brasilien als in England zum Beispiel. Da sind 96 Liverpool-Fans im Stadion gestorben, erinnern Sie sich? Das würde niemals in einem brasilianischen Stadion passieren. Niemals.

Lastet auf der brasilianischen Mannschaft zu viel Druck, um den Titel zu gewinnen?

Der WM-Titel sollte für Brasilien keine Pflicht sein. Wir haben die Unsitte, dass wir jedes Mal den Titel erwarten. Wir müssen Respekt vor den anderen Teams haben. Man kann nicht jedes Mal Weltmeister werden. Auch von Neymar darf man nicht so viel erwarten. Das ist seine erste WM, er ist noch jung. Er wird sie nicht allein gewinnen.

Erinnern Sie sich noch klar an das legendäre Tor von Carlos Alberto im WM-Finale 1970?

(lächelt) Sie reden von unserem vierten Tor in diesem Finale. Das ist in meinem Gedächtnis absolut klar. Das Tor war unglaublich schön. Gott hat seine Hand auf dieses Tor gelegt. Es war das schönste Tor der Fußballgeschichte, und ich werde es nie vergessen. So etwas wird nie wieder passieren. Es war aber auch traurig, weil dieses Finale das Ende einer Ära war. Das haben wir gespürt. Ich habe auch andere großartige Erinnerungen an diese Weltmeisterschaft in Mexiko. Nachdem das mexikanische Team ausgeschieden war, sind ihre Fans alle zu uns gekommen. Wir sind mit dem Bus durch die Straßen gefahren, sie haben uns alle gefeiert und unsere Namen gerufen. Es war sehr berührend.

Würden Sie auch heute gerne Fußballspieler sein?

Nein. Auf keinen Fall. Heutzutage geht es immer um Taktik. Es gibt einen Mangel an Kreativität, der zu mir als Spieler nicht passen würde.

Gibt es dann heute kein „Jogo Bonito“ mehr, kein schönes Spiel?

Nein. Heutzutage wird zu taktisch gespielt, und zu physisch. Zumindest in Brasilien ist „O Jogo Bonito“ jetzt tot.

Aufgezeichnet von Kit Holden. Das Gespräch fand während einer von der Volkswagen AG organisierten Pressereise in Sao Paulo statt.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben