Sport : Rockfestival mit Schlägern

Die US Open sind laut, schmutzig, schrill – und nicht nur für die Tennisfans oft auch sehr nass.

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Und Action. Die US Open knallen und leuchten bereits bei der Eröffnung. Foto: AFP
Und Action. Die US Open knallen und leuchten bereits bei der Eröffnung. Foto: AFPFoto: AFP

New York - Anna Wintour ist es nicht gewohnt, irgendwo Schlangestehen zu müssen. Am Montag blieb der mächtigen Ikone der Modefachwelt als Fan von Roger Federer jedoch keine Wahl. Denn die Gewitterschauer, die über den New Yorker Stadtteil Queens hinweggezogen waren, hatten den Spielplan durcheinander gewirbelt und so wurde Federers Achtelfinalpartie vom Arthur-Ashe-Stadion kurzum nach nebenan ins Louis-Armstrong-Stadion verlegt. Und damit begann nicht nur für Wintour das große Ärgern bei den US Open. Denn mehr als die Hälfte der 24 500 Tennisbegeisterten, die sich ein Ticket gekauft hatten, um den Schweizer Superstar zu sehen, bekamen ihn eben nicht zu sehen. Zumindest nicht live im Stadion, denn die Ränge des ehemaligen Center Courts bieten nur 10 000 Zuschauern Platz.

Blitzartig bildeten sich enorme Schlangen vor den Eingängen des Louis-Armstrong-Stadions, auch Wintour musste sich notgedrungen auf ihren schicken Highheels einreihen. Immerhin konnte sie sich ihres Sitzplatzes in der Federer-Box sicher sein. Für die Übrigen galt das nicht, so wurde ordentlich gemurrt und gedrängelt. Und es mochte in diesem Moment auch niemanden besänftigen, dass der amerikanische Tennisverband USTA in den nächsten Jahren die Anlage umgestalten will und das größte Stadion der Welt endlich ein Dach bekommt.

„Wir haben 300 Dollar für die Karten bezahlt“, klagte ein Ehepaar aus Connecticut, „und jetzt sehen wir Roger nicht mal.“ Dass die USTA die Tagessession kurz darauf als offiziell abgesagt deklarierte, um die Gemüter zu beruhigen und den Fans so zu ermöglichen, ihre Tickets später noch kostenfrei gegen einen anderen Tag umzutauschen, machte es für die Enttäuschten kaum besser. Sie waren nach Flushing Meadows gefahren, um Federer bei den US Open zu erleben. Jene, die im Louis-Armstrong-Stadium einen Sitz ergattert hatten, verließen ihn nicht mehr. Obwohl das für Amerikaner eigentlich kaum auszuhalten ist. Sie brauchen offenbar das Pendeln zwischen Bier-, Hot-Dog- und Popcornstand während der Matches. Die Lauferei auf den Tribünen ist Usus, und wer als Spieler Ruhe sucht, muss nach Wimbledon fahren. Die US Open sind laut, schmutzig und schrill und kommen wie ein Rockfestival daher.

Hier dröhnen die Beats über die Lautsprecher, häufen sich Unmengen an Müll an, und man muss immer damit rechnen, dass man nass bis auf die Haut wird. Und die Spieler müssen stundenlang warten, weil es wieder mal in Strömen gießt.

Es ist Hurrikan-Saison an der Ostküste der USA, und in den letzten fünf Jahren hatten die US Open mindestens die Tiefausläufer zu spüren bekommen. Nur ein Regentag reicht aus, meist bei den Halbfinals der Herren, und schon muss das Endspiel auf Montag verschoben werden - ein enormer logistischer Aufwand folgt mit hohen Personalkosten und verärgerten Fans, von denen nicht alle an einem Wochentag frei haben. In diesem Jahr nun dachte man präventiv und setzte das Endspiel von vornherein am Montag an – nur regnen soll es laut Vorhersage jetzt nicht mehr.

Die Umbau-Entscheidung der USTA ist mehr als vernünftig, obwohl der Dachausbau über dem Arthur-Ashe-Stadium 100 Millionen Dollar verschlingen wird. Bis 2017 soll es fertig sein, zuvor schon wird ein neuer Grandstand errichtet und das Louis-Armstrong-Stadion auf 15 000 Plätze aufgestockt. „Wir planen Großes und investieren in die Zukunft“, erklärte ein Sprecher des Verbandes stolz. Mit 18,8 Hektar Fläche und jährlich über 650 000 Zuschauern rangiert man in der Riege der Grand Slams nur knapp hinter den Australian Open. Dort hat man, wie auch in Wimbledon, längst ein Dach und ist gegen Wetterkapriolen gerüstet. Bis es in New York soweit ist, wird es weiterhin enttäuschte Fans und nasse Füße geben. Aber so ist das eben bei einem Tennis-Rockfestival. Petra Philippsen

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