Rodeln : Die Folgen des Unfalls

UPDATE Trotz des tödlichen Sturzes des Georgiers Nodar Kumaritaschwili soll der Rodelwettbewerb am Sonntag stattfinden. Fährt bei den Athleten nun die Angst mit?

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Vancouver 2010 - Rodeln
In Gedenken an Nodar Kumaritaschwili. Stumme Trauer mit Blumen und Kerzen vor dem Foto des verstorbenen georgischen Rodlers. -Foto: dpa

200 Höhenmeter über Whistler wird es ruhig. Auf dem Blackcomb Mountain ist am Freitagnachmittag nichts mehr zu hören von der Rockband, die auf dem Dorfplatz vor 500 Zuschauern spielt. Hier liegt das „Whistler Sliding Centre“, wo das letzte Training der Rodel-Männer für das Einzelrennen stattfinden sollte. Stattdessen sperren Metallgitter die Zufahrt zur Strecke ab, zwei Polizisten sichern den Zugang. Untersuchungsrichter der Provinz British Columbia und die kanadische Polizei ermitteln an der Strecke, um die Ursache für den tödlichen Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili zu finden.

Seit Samstagvormittag ist die Rodelbahn wieder für Rodler und Zuschauer offen. Blumen liegen an der Kurve Nummer 16, wo am Vortag Nodar Kumaritaschwili aus der Bahn getragen wurde. Es wird wieder weitergefahren, nein weitergerast, das hat der Rodelweltverband FIL nach einer langen Sitzung am Vorabend beschlossen. „Wir sind tieftraurig und geschockt“, sagte Präsident Josef Fendt, „es war der schlimmste und traurigste Tag in der olympischen Geschichte des Rodelns“ Auch über eine Absage der Rodelrennen hätte man nachgedacht, doch nach einigen Modifizierungen an der Bahn, wurde am Samstagvormittag wieder mit den Trainingsläufen begonnen. „Alle Teamkapitäne sind mit dieser Entscheidung einverstanden“, sagt Josef Fendt. An der schnellen Bahn hätte es jedenfalls nicht gelegen. „Die Bahn ist schnell, aber nicht zu schnell“, sagte der FIL-Präsident. Am Abend standen die ersten beiden Läufe des Einzelsitzers der Herren auf dem Programm.

Unglückskurve wurde mittlerweile entschärft

In der Nacht zum Samstag hatten sich Experten, darunter der Chef der Rodelbahn am Königsee, an der gefährlichen und wegen Geschwindigkeiten von bis zu 154 Stundenkilometern stark kritisierten Strecke in Whistler zu schaffen gemacht. Sie entschärften den Ausgang der Kurve „Thunderbird“, wo der Georgier verunglückt war. Durch eine Erhöhung der Wand soll verhindert werden, dass erneut ein Rodler aus der Bahn geschleudert werden kann. Die Herren werden auch beim tiefergelegenen Damenstart in die Bahn gehen. Auch die übrigen Wettbewerbe sollen eventuell nach unten verlegt werden. Damen und Doppelsitzer werden wohl beim Unteren-Damen-Start oder am Juniorenstart beginnen. Doch trotz des tiefer gelegenen Starts erreichten die Herren bereits im Training wieder Spitzengeschwindigkeiten von 144 Stundenkilometern. FIL-Generalsekretär Sven Romstad, der während der Pressekonferenz mit den Tränen kämpfte, bezeichnet den tieferen Start ohnehin eher als psychologische Maßnahmen für die Fahrer. „Das trifft eher den emotionalen Aspekt“, sagte er, „die Fahrer haben einen Kollegen verloren“  

Der Verbandspräsident entschuldigte sich auch für die lange Nicht-Information über das weitere Vorgehen am Vortag. „Wir mussten warten, bis wir auf die Bahn durften“, sagte er. Der deutsche Rodeltrainer Thomas Schwab hatte sich am Freitagabend über das Krisenmanagement geärgert: „Morgen sind Olympische Spiele, das ist der Wettkampf, für den alle seit vier Jahren trainiert haben, und wir wissen nicht, ob er stattfindet.“

Die deutschen Rodler um Felix Loch und David Möller, die ebenso wie Andi Langenhahn den Unfall des vor ihnen gestarteten Georgiers direkt mitverfolgt hatten, absolvierten am Samstag ein zusätzlich angesetztes Training. „Ich bin sehr froh, dass es weiter geht“, sagte Thomas Schwab, „ich hoffe, dass alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen sind.“ Ein generelles Problem mit der Bahn gebe es nicht. „Wir sind mit den Athleten einer Meinung: Bei diesem Unfall sind viele unglückliche Umstände zusammengetroffen“, sagte der Bundestrainer. Und BSD-Präsident Trautvetter meinte: „Es liegt nicht an der Geschwindigkeit. Wenn ein solcher Unfall auf einer langsameren Bahn passiert, wird er auch tödlich enden.“

Keine Mängel am Eiskanal

Erste Untersuchungen ergaben nach Angaben des Rodel-Weltverbands und des Organisationskomitees der Spiele in Vancouver, dass der Unfall nicht auf Mängel am Eiskanal zurückzuführen sei. Schon vor dem Unfall hatte der Weltrodelverband beschlossen, künftigere Bahnen langsamer zu bauen. Die Bahn in Whistler war ursprünglich für 137 Stundenkilometer ausgelegt worden. Nun ist sie deutlich schneller. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt Josef Fendt, „aber wir haben festgestellt, dass diese Geschwindigkeit machbar ist.“ Die Bahn in Sotchi sollt ursprünglich 160 Stundenkilometer möglich machen, inzwischen soll sie auf 137 Stundenkilometer begrenzt werden.
 
Am Freitag hatte der georgische Sport- und Kulturminister Nikolos Rurua betont, dass der verunglückte Kumaritaschwili, 21 Jahre alt, durchaus erfahren war. „Er kommt aus einem Wintersportort und trainiert schon lange“, sagte er, „er ist im Training am Vortag auf Platz elf gefahren, das zeigt doch, dass er mit der Weltspitze mithalten kann.“ Außerdem hatte er 26 Trainigsläufe auf der Bahn in Whistler. Die georgische Mannschaft, die während der Olympischen Spiele in Peking schon den Kriegsbeginn mit Russland verkraften musste, werde auch diesmal weitermachen, sagte Nikolos Rurua. Am Samstagmorgen ist der Sarg mit dem verunglückten Georgiers in seine Heimat zurückgebracht worden.

Ihm war bei der Eröffnungsfeier mit einer Schweigeminute gedacht worden; die kanadische und die georgische Flagge auf Halbmast gesenkt. „Unser Mitleid gilt seiner Familie, seinen Freunden und Landsleuten“, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge. Die Spiele begannen unter Schock.

Wie gehen die Sportler mit der Situation um, auf einer Bahn zu starten, auf der am Vortag ein Kollege tödlich verunglückt ist? Schwab betonte, seine Athleten hätten „sehr professionell“ reagiert. „Aber ich kann nicht in die Köpfe der Sportler hineinschauen.“ Doppelsitzer-Rodler Patric Leitner gab dann doch einen kleinen Einblick. „Wir Fahrer müssen das erst einmal verarbeiten“, sagte der Olympiasieger. „Mir geht es nicht gut. Und ich weiß nicht, wie wir damit umgehen sollen.“

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