Rodeln : Schnee, der auf Kufen schmilzt

Deutsche Rodlerinnen haben nur selten verloren, aber Ortrun Enderleins Niederlage bei den Olympischen Spielen 1968 war die bitterste: Sie wurde wohl um ihre Goldmedaille betrogen.

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Bis Ortrun Enderlein wieder im Jahr 1968 angekommen ist, dauert es einige Minuten. Es scheint, als müsse sie erst Anlauf nehmen wie damals am Start auf ihrem Schlitten. Einmal in Fahrt, rauscht jedoch alles noch einmal vorbei, bis zwischen ihr und 1968 kein Abstand mehr ist, als sie sagt: „Es tut immer noch weh.“

Ortrun Enderlein war Rodlerin, die beste in Deutschland, also auch die beste der Welt. Mit ihr fing eine Erfolgsgeschichte an, denn als zum ersten Mal bei Olympischen Spielen auch Rodeln zum Programm zählte, 1964 in Innsbruck, gewann sie Gold. Vier Jahre später in Grenoble war sie wieder die Schnellste. Mit zwei Goldmedaillen bei Olympia wäre sie bis heute gemeinsam mit anderen die erfolgreichste Rodlerin. Doch die Geschichte hat ihr diesen Platz verwehrt, und einiges deutet darauf hin, dass sie betrogen worden ist.

Von allen Niederlagen deutscher Rodlerinnen war ihre wohl die bitterste. Sie fiel in die heiße Phase des Kalten Kriegs, als sich die Bundesrepublik und die DDR gerade sportlich getrennt hatten und jeweils eine eigene Mannschaft zu den Olympischen Spielen schickte. „Wenn wir gewonnen haben, waren wir Deutsche, wenn nicht, waren wir Zonensportler“, sagt Enderlein. Die drei Rodlerinnen der DDR, Enderlein, Anna-Maria Müller und Angela Knösel, landeten 1968 in Grenoble auf den Plätzen eins, zwei und vier. Aber ihre Ergebnisse flogen aus der Wertung. Der Juryvorsitzende Lucian Swiderski aus Polen warf ihnen Manipulation vor. Sie hätten ihre Kufen erhitzt und sich damit unerlaubt einen Vorteil verschafft. Zur Siegerin wurde die Italienerin Erika Lechner erklärt.

Die Disqualifikation beruhte auf dem sogenannten Schneetest. Swiderski warf Schnee gegen die Kufen. An den Schlitten der DDR-Rodlerinnen sei er geschmolzen, an anderen nicht. Ortrun Enderlein, die heute 66 Jahre alt ist, im Erzgebirge lebt und seit ihrer Heirat Zöphel heißt, kann es immer noch nicht begreifen. „1964 war das Beheizen der Kufen noch erlaubt, aber selbst da haben wir es nicht gemacht“, sagt sie.

Während ihrer sportlichen Karriere brachte sie ihr Ingenieursstudium in Fertigungstechnik voran. „Ein bisschen kannte ich mich in der Physik aus. Wir hatten in Grenoble Temperaturen über null. Mit beheizten Kufen, wäre ich doch auf Beton gefahren.“

In Grenoble legte sie mit ihrer Mannschaft sogar eine eidesstattliche Versicherung bei einem Notar ab. Geholfen hat es nichts. Die Medaillen bekamen andere. „Beim Doping wird die Schuld immer Richtung Osten geschoben, aber es muss doch eine gesamtdeutsche Aufarbeitung geben“, sagt sie. Erst in den vergangenen Jahren ist einiges zu den Ereignissen von 1968 ans Licht gekommen, durch ausgewertete Akten der Staatssicherheit. Dass der polnische Juryvorsitzende nicht unabhängig war zum Beispiel, sondern eine ausgeprägte Abneigung gegen die DDR hatte und sich möglicherweise korrumpieren ließ. Dass bei seinem Schneetest auch ein anderer Sportler durchgefallen sei, der aber wohl deshalb nicht disqualifiziert wurde. Er war Österreicher. Temperaturmessgeräte wurden erst nach den Spielen eingeführt.

Die Medaille war nach ihrer Disqualifikation Enderlein nicht mehr das Wichtigste. „Der Ruf der Sportler war in den Dreck getreten, da hilft auch keine Medaille.“ Sie hätte in Grenoble ihre Lektionen gelernt. Über die öffentliche Meinung zum Beispiel. „Da haben Reporter geschrieben, dass sie gesehen hätten, wie wir uns Lötlampen zum Erhitzen der Kufen gekauft hätten.“ Und Sportlerinnen aus der Bundesrepublik, mit denen sie sich gut verstanden habe, seien am nächsten Tag in Zeitungen mit den Worten zitiert worden: „Die aus der DDR sind Betrüger, das wussten wir vorher schon.“

Als Enderlein kürzlich mit ihrem Mann in Leipzig die Ausstellung „Wir gegen uns“ über die Sportgeschichte in beiden deutschen Staaten besucht hat, ist sie auch ihrer eigenen Geschichte begegnet. Sachlich dargestellt sei sie, aber Enderlein hat den Hinweis vermisst: „Die sind betrogen worden.“ Gutzumachen sei jetzt ohnehin nicht mehr viel, sagt Enderlein. „Heute ist doch alles verpufft.“

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