Sport : Rodeoritt mit Doppelsalto

Freestyle-Skifahren auf der Buckelpiste verbindet Geschwindigkeit und Ästhetik mit wagemutigen Sprüngen

Christian Hönicke

In sieben Tagen beginnen die Olympischen Winterspiele in Turin. In unserer Serie stellen wir die ungewöhnlichsten Sportarten vor, die sich dort präsentieren werden. Heute: Freestyle-Skifahren.

Mit dem konventionellen Skifahren hat es Gerhard Blöchl nicht so. „Ständig nur durch irgendwelche Stangen zu fahren, das ist mir zu langweilig“, sagt der 24-Jährige. Blöchl bewegt sich lieber abseits der gewöhnlichen Skipisten: im unberührten Tiefschnee, auf den Rampen in den so genannten Funparks oder auf der Buckelpiste. Gerhard Blöchl ist Freestyle-Skifahrer. Gemeinsam mit Christoph Stark hat sich der Buckelpisten-Spezialist als erster deutscher Freestyler seit acht Jahren für die Olympischen Winterspiele qualifiziert. „Ich bin momentan der glücklichste Mensch der Welt“, sagt Blöchl. Noch glücklicher wäre er nur, wenn er sein Ziel erreichen und in Turin unter die ersten zehn fahren würde. Ein Medaillenkandidat, das gibt der WM-15. von 2003 zu, „bin ich aber nicht“.

Die Faszination für die ungewöhnliche Skidisziplin mit den Rodeoritten über die wellige Piste und den spektakulären Sprung-Intermezzi entdeckte Blöchl schon früh durch seinen Bruder, der ebenfalls Freestyler ist. „Die verschiedenen Elemente machen für mich den Reiz aus“, sagt der Sportsoldat aus Mitterskirchen in Bayern. „Es ist ein Mix aus Geschwindigkeit, Akrobatik und Ästhetik.“ Die Wertungen in der seit 1988 olympischen Disziplin setzen sich zu jeweils 25 Prozent aus der Zeit und den Sprüngen und zu 50 Prozent aus der Skitechnik in den Buckeln zusammen und werden von Kampfrichtern bestimmt. „Das ist eine Sportart fürs Auge“, sagt Blöchl. „Es kommt darauf an, eine schöne Technik zu haben und die Füße in den Buckeln zusammen zu haben.“

Die spektakulärsten Elemente der kurzen Fahrt mit Tempo 50 sind die beiden Sprünge – besonders, seitdem vor zwei Jahren auch Überkopfmanöver erlaubt wurden. Diese waghalsigen Sprünge sind Blöchls Spezialität. Auf der 250 Meter langen Olympia-Piste in Sauze d’Oulx wird er gleich zwei Rückwärtssalti zeigen: einen mit Schraube und einen so genannten Backflip. Die Affinität zur „New School“, der neuen Sprunggeneration, hat Blöchl sogar dazu animiert, ein Buch mit eben jenem Titel zu schreiben. Es ist eine Anleitung zum Erlernen der „NewSchool“-Sprünge. „Ich habe schon viele schwere Verletzungen gesehen, weil die Kids die Sprünge ohne Anleitung nachmachen wollten“, erzählt Blöchl. In seinem Buch erklärt er etwa, dass Sprünge zunächst auf dem Trampolin einstudiert werden, bevor es auf die Piste geht.

Ungefährlich sind die Manöver aber auch für einen mit Helm und Rückenprotektor ausgestatteten Profi nicht. Davon zeugt Gerhard Blöchls Vita, die unter anderem zwei Schlüsselbeinbrüche und eine ausgekugelte Schulter aufweist. „Statistisch gesehen ist Freestyle aber ungefährlicher als AlpinSkifahren“, sagt Blöchl. Außerdem würden die Knie auf den Buckeln bei weitem nicht so stark beansprucht wie etwa beim Abfahrtslauf. „Wenn die Technik stimmt, man immer Schneekontakt hat und dem Buckel voraus ist, kriegt das Knie keinen Schlag ab.“

Noch schonender für das Knie ist die zweite olympische Freestyle-Disziplin, das reine Springen ohne Buckelpiste. Damit will Gerhard Blöchl aber nicht in Verbindung gebracht werden. „Das hat mit Skifahren nichts zu tun. Da gewinnen ständig chinesische Trampolinspringer, von denen manche vorher noch nie auf Skiern standen. Außerdem wäre mir das zu eintönig.“ Dann doch lieber ganz normal Ski fahren. „Ab und zu mach ich auch mal eine ruhige Abfahrt mit meiner Freundin“, sagt Blöchl. „Das ist schon okay.“

Olympia-Favoriten: Janne Lahtela (Finnland), Dale Begg-Smith (Australien).

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