Sport : Rödl verläßt ein verläßliches Team

DIETMAR WENCK

DIJON . Die Freude hätte ungetrübt sein können nach dem 77:68-Sieg über Tschechien im letzten Spiel der deutschen Basketballer in Dijon. Die Qualifikation für die Zwischenrunde war geschafft, das erste Etappenziel bei der EM in Frankreich erreicht. Trotzdem kam das deutsche Team nicht, wie von seinem Trainer Henrik Dettmann erhofft, mit einem blauen Auge davon. Mannschaftskapitän Henrik Rödl war gestern bereits auf der Rückreise nach Berlin, als seine Mitspieler sich gerade auf den Weg nach Le Mans machten, wo in der Zwischenrunde Italien, die Türkei und Kroatien als nächste Gegner warten. So wie es aussieht, ist für den 30jährigen die EM beendet.

"Sicher wird er morgen früh ein blaues Auge haben", hatte Dettmann nach dem Erfolg gegen die Tschechen noch gesagt, "wir brauchen ihn unbedingt." Der Routinier von Alba Berlin hatte bei einem Gerangel um den Ball den Unterarm des Tschechen Kamil Novak ins Gesicht bekommen - sicher kein absichtliches Foul. Den mit 162 Länderspieleinsätzen erfahrensten Spieler in seiner Mannschaft traf dieser Schlag viel schlimmer als zunächst erwartet, wie eine Kernspintomographie ergab. Es wurde ein Bruch am oberen Kieferknochen festgestellt. Hinzu kommt eine Gehirnerschütterung. Rödl wollte sich nun von Professor Kindermann in Berlin untersuchen lassen. "Wenn es eine Chance gibt, wenn die Ärzte sagen, es ist vertretbar, dann komme ich zurück", sagte der Kapitän. Er würde auch mit einer Gesichtsmaske spielen.

Die Mannschaft hat den Verlust ihres einzigen wirklichen Führungsspielers vom Gefühl her besser verkraftet, als man meinen sollte. Am Abend haben sie Rödl noch Trost zugesprochen. Gestern, sagt DBB-Sportdirektor Brenscheidt, "war die Stimmung schon wieder nach vorn gerichtet". Typisch für dieses überraschend freche, überraschend hungrige und bisher überraschend erfolgreiche Team. "Wir sind alle jung, emotional, heiß, das ist doch nicht verwunderlich", sagte Spielmacher Vladimir Bogojevic. Völlig vergessen scheinen die EM in Athen 1995 und Barcelona 1987, wo die Deutschen mit den Plazierungen elf und zwölf, vor allem aber durch ihr Auftreten enttäuschten.

In Frankreich präsentiert sich bisher eine kompakte, homogene Mannschaft, die sich nicht aufgibt, wie das Auftaktspiel gegen die Griechen zeigte, als in nicht einmal zwei Minuten kurz vor Schluß ein Acht-Punkte-Rückstand wettgemacht wurde. Dettmann hat ein Team geformt, das kaum mehr erinnert an die DBB-Auswahl unter seinem Vorgänger Vladislav Lucic. Alle Spieler werden eingesetzt, immer kommen von der Bank neue Impulse, in jedem der bisherigen Spiele traten andere mit in den Vordergrund. Obwohl mit dem NBA-Profi Dirk Nowitzki ein herausragender Mann im Team steht. Doch der 21jährige beansprucht keine Sonderrolle, im Gegenteil. "Einer muß ja die Punkte machen", sagte er bescheiden, "auch ich muß mich noch verbessern, mehr zurückspielen, wenn ich mich festgerannt habe." Das betont auch Dettmann, wohl wissend, daß die anderen Spieler sensibel reagieren, wenn sich zu viel nur um Nowitzki dreht: "Er spielt gut, er kann aber noch besser spielen."

Man darf gespannt sein, wen der Finne am Sonnabend gegen Italien für Rödl bringt. Vermutlich wird es der Bonner Drazan Tomic sein, dann läuft eine Startformation auf, in der keiner älter ist als 25. Dettmann setzt auf die Jugend. Und hatte bisher das Glück des Mutigen. Denn eines sollte nicht vergessen werden: Hätte Bogojevic nicht im ersten Spiel gegen die Griechen sechs Sekunden vor Schluß seinen Drei-Punkte-Wurf verwandelt, dann wäre jetzt nicht nur Rödl heimgereist, sondern die ganze Mannschaft.

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