Roger Boyes' Olympia-Kolumne : Großbritannien hat die Tugend verloren

Angesichts der sportlichen Erfolge der Briten rückt sogar der Skandal um die deutsche Ruderin mit Naziumfeld in der sonst von Nazithemen besessenen britischen Presse in den Hintergrund. Unser Olympia-Kolumnist Roger Boyes steht deshalb unter Schock.

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Sehnt sich Roger Boyes etwa nach Deutschland zurück?
Sehnt sich Roger Boyes etwa nach Deutschland zurück?Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Großbritannien war lange ein olympischer Zwerg. Das lag daran, dass das Internationale Olympische Komitee dummerweise unsere Nationalsportarten nicht berücksichtigt hatte: Cricket, Rugby, Schlange stehen, Moorhühner und Taliban erschießen – und Bridge. In Wahrheit sind wir nur Meister im ungesund Leben. Auch wenn es nun so aussieht, dass wir uns geändert haben, und im Medaillenspiegel unter den ersten drei Nationen sind, mit zwei anderen Nationen, die berühmt sind für ihr Junk Food, China und die USA.

Die Nation steht daher unter Schock. Wir haben nicht mal Zeit, die Deutschen zu verspotten. Der Skandal um die Ruderin mit Naziumfeld hat die sonst von Nazithemen besessene Presse kaum interessiert. In unserer Redaktionskonferenz bei der Times konzentrierte sich die Diskussion in dem Fall darauf, ob ein Mensch für die politischen Ansichten seines Lebenspartners verantwortlich gemacht werden kann. Die Diskussion dauerte ganze 90 Sekunden.

Doch bei all unseren Erfolgen schwebt Melancholie mit: Wir werden besser bei Olympia, weil wir eine der größten britischen Tugenden verlieren: die Kunst des Amateurtums. Im Kalten Krieg haben wir auf die Sowjets heruntergeschaut und ihre korrupten Machenschaften kritisiert, mit denen sie die olympische Ethik verletzt haben. Und nun gewinnt ein Millionär wie Andy Murray Gold und Silber. Je mehr wir gewinnen, umso nostalgischer werde ich. Vielleicht aber muss ich nur zum Psychologen. Oder wieder nach Deutschland ziehen.

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