Roger Federer : Das Genie wird Außenseiter

Beim Tourfinale in London kämpft der Tennisheld Roger Federer um das versöhnliche Ende seiner schlechtesten Saison seit zehn Jahren. Doch seine Gruppe ist schwer.

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Schon am Eingang des mächtigen Kuppelbaus wird man von den besten Tennisspielern der Welt begrüßt. Als meterhohe Plakate hängen Rafael Nadal und Novak Djokovic vom Zeltdach des Millennium Domes im Osten Londons herunter, doch ein Porträt sucht man dieses Mal vergeblich: das von Roger Federer.

Mit dem Schweizer lassen sich weltweit die meisten Tickets verkaufen, auch bei den Tour-Finals war das bisher so. Doch der Spielerorganisation ATP war es als Ausrichter des Saisonfinals in diesem Jahr einfach zu heikel, mit ihrem wichtigsten Zugpferd zu werben. Denn Federer qualifizierte sich erst im letzten Moment für das Prestige-Event der besten acht Spieler. „Ich kann verstehen, dass sie lieber mit denen werben wollten, die sicher dabei sind“, sagte Federer und fügte augenzwinkernd hinzu: „Ich habe mein Gesicht aber in der Stadt auf einem Bus gesehen – also war das Fotoshooting wohl doch nicht umsonst.“

Federer, bloß der Außenseiter unter den Besten. Das ist immer noch ungewohnt. Keiner spielt so anmutig und ästhetisch Tennis wie Roger Federer. Nie schien jemand diesen Sport besser beherrscht zu haben. Zehn Jahre dauerte der Rausch des 17-maligen Grand-Slam-Siegers an – bis zu dieser Saison. Alles, was Federer bisher so mühelos von der Hand gegangen war, ist plötzlich harte Arbeit geworden. Seit 2002 hat er keine so dürftige Saison mehr gespielt, er schaffte es nicht einmal mehr ins Endspiel bei einem der vier Grand Slams. Inzwischen muss er offene Briefe an sich lesen, in denen ihm nahegelegt wird, lieber sofort zurückzutreten.

Michael Schumacher hat das nach seinem Comeback auf die Formel-1-Rennstrecke auch erlebt. Die Menschen ertragen es nicht, ihren Helden beim Versagen zuzusehen. Es bricht ihnen das Herz. Niemand will Federer gegen die Nummer 116 als Verlierer vom Platz schleichen sehen wie in Wimbledon.

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In den letzten Monaten ist er auf Normalmaß geschrumpft, die Gegner haben keine Angst mehr vor ihm. „Früher bin ich auf den Platz gegangen und wusste: Ich bin besser als mein Gegner“, erinnert sich der Schweizer. Das war keine Arroganz, sondern die Wahrheit. Sie gab ihm unerschütterliches Selbstvertrauen. Doch in dieser Saison machte Federer ein paar Fehler bei seiner Turnierplanung, plagte sich monatelang mit Rückenschmerzen und kam nicht in Tritt. Mit jeder Niederlage schwand das Vertrauen in sein Spiel und wuchsen die Selbstzweifel. „Ich habe mich die ganze Zeit auf dem Platz nur mit mir beschäftigt“, erklärte er, „und nicht mit dem Gegner.“ Unsicher, anfällig, verwundbar – so hatte man Federer nie zuvor erlebt, und so hatte er sich wohl noch nie gefühlt. Er wirkte ratlos, schwankte zwischen Veränderung und dem Festhalten an Vertrautem.

Im Sommer probierte er einen neuen Schläger mit größerem Kopf aus, brach den Versuch aber vor der Hartplatzsaison wieder ab. Bei den US Open spielte Federer im Achtelfinale gegen Tommy Robredo wie ein Schatten seiner selbst. Danach trennte er sich von seinem Trainer Paul Annacone, der das Spiel des Schweizers in drei Jahren nicht entscheidend prägen konnte. Beim Masters in Paris letzte Woche blitzte Federers Können dann wieder auf. Er spielte eine furiose Viertelfinalpartie gegen Juan Martin del Potro und gewann so erstmals seit Januar wieder gegen einen Top-Ten-Spieler. Gegen Djokovic unterlag er danach knapp, sagte aber: „Ich bin sehr froh über mein Level. Zuletzt war mein ganzes Spiel so zerbrechlich. Jetzt weiß ich, dass mein Körper hält, und mein Vertrauen ist wieder viel größer.“

Dass er bei seiner zwölften Teilnahme beim Saisonfinale seinen Rekord mit dem siebten Triumph ausbaut, ist zwar nicht mehr utopisch, aber rechnen sollte man nicht damit. Denn Federer wurde mit Djokovic, del Potro und Richard Gasquet in die schwerere Gruppe gelost. Dort kann er nun zeigen, wie viel ihm von seinem grandiosen Spiel noch geblieben ist.

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