Roger Federer : Der Meister ist zurück

Roger Federer lässt dem Schotten Andy Murray im Tennisfinale der Australian Open keine Chance

Petra Philippsen[Melbourne]
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Sehnsucht im Blick. Andy Murray kann nach dem einseitigen Finale nur zu seinem Konkurrenten Roger Federer aufblicken. Foto: dpaEPA

Andy Murray rang einen Moment mit sich, dann versagte ihm die Stimme. Der Schotte verdrückte ein paar Tränen, bis er sich fing und sagte: „Ich kann zwar so weinen wie du, Roger, aber ich kann leider nicht so spielen.“ Der Applaus der 15 000 Zuschauer in der Rod-Laver-Arena tröstete Murray ein wenig, doch die Niederlage schmerzte zu sehr. Mit 3:6, 4:6 und 6:7 war er Roger Federer im Finale der Australian Open unterlegen. Die Niederlage quälte ihn umso mehr, als er nicht allein für sich gespielt hatte. Wohl ganz Großbritannien hatte mit Murray gefiebert und gehofft, er möge ihre 74-jährige Leidenszeit mit seinem ersten Grand-Slam-Sieg endlich beenden. Seine Landsleute wurden enttäuscht. „Es tut mir so leid, dass ich es nicht für euch gewinnen konnte“, sagte Murray. Wieder erstickten Tränen seine Stimme.

Auch Federer versuchte ihn aufzumuntern, hatte er sich vor einem Jahr auf diesem Platz doch ganz ähnlich gefühlt. Über die Finalniederlage gegen Rafael Nadal schien er damals untröstlich. Dass Federer danach erstmals die French Open gewinnen und in Wimbledon mit seinem 15. Grand-Slam-Sieg den Rekord von Pete Sampras überflügeln würde, konnte er damals nicht ahnen. Umso mehr wusste Federer nun nach seinem vierten Triumph in Melbourne, wie schnell sich alles positiv wenden kann: „Andy, du bist zu gut, um nicht bald einen Grand Slam zu gewinnen.“ Von Federer würde es dieses Mal keine Tränen geben, auch nicht vor Freude. Obwohl er mit dem 16. Titel seine Bestmarke verbessert und seine Ausnahmestellung im Herrentennis eindrucksvoll untermauert hatte. „Das war eine meiner besten Leistungen. Offenbar bin ich ein ganz talentierter Spieler“, sagte er mit einem Augenzwinkern.

Es war kein offener Schlagabtausch, den sich die Zuschauer erhofft hatten. Und vielleicht war es auch ein Nachteil für Murray, dass er neben Nadal als einziger Top-Ten-Spieler eine positive Bilanz gegen Federer aufweist. Er wähnte sich wohl ein wenig zu sicher, dass er Federer zum siebten Mal würde schlagen können. Doch der Schweizer hatte stets betont, dass er gegen Murry nur verloren hatte, weil er nicht sein bestes Tennis gespielt habe. Murray wusste, dass er das Match seines Lebens spielen musste, um eine Chance zu haben. Schließlich war es Federers 22. Grand-Slam-Finale. „Ich weiß einfach, was nötig ist, um diese großen Matches zu gewinnen“, hatte Federer schon vorher gesagt. Er spielte dann geschickt seine Taktik aus und ließ nicht zu, dass es der Tag des Andy Murray wurde.

Federer gab ihm nicht zu viel Tempo und raubte dem gefährlichen Konterspieler damit seine Grundlage. Murray dagegen blieb in vielen Phasen zu passiv. Im ersten Satz hatten sich beide lange vorsichtig abgetastet, die Anspannung war ihnen gleichermaßen anzumerken. Und beide haderten mit ihren schwachen Aufschlagquoten. Doch Federer steigerte sich mehr und mehr, und in den entscheidenden Momenten war er effektiv und entschlossen. Erst als er nach dem 0:2-Satzrückstand im Grunde nichts mehr zu verlieren hatte, ging Murray ein höheres Risiko ein, zur Freude des Publikums.

Die Zuschauer wurden mit einem elektrisierenden Tiebreak belohnt, bei dem Murray fünf Satzbälle nicht nutzen konnte. „Ich hatte so viele Chancen“, ärgerte sich der 22-Jährige, „ich hätte einen vierten Satz verdient gehabt.“ Auch Federer waren kurzzeitig Zweifel gekommen, als Murray ihn beim zweiten Matchball mit einem Passierball düpierte: „Da dachte ich, ich halte die Trophäe schon in den Händen, und er reißt sie mir gerade weg.“ Beim dritten Matchball verzog Murray jedoch seine Vorhand unglücklich ins Netz. Schon vor 17 Monaten war Murray im Finale der US Open an Federer gescheitert. Damals passierte alles zu schnell für ihn, dieses Mal fühlte er sich reif genug. „Es sollte nicht sein“, sagte er, „aber ich hoffe, dass ich noch mal die Chance bekomme. Und wenn nicht, gibt es noch wichtigere Dinge im Leben als Tennis.“ Wieder übermannten ihn die Tränen.

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