Roger Federer : Die angeschlagene Legende

Nach seiner schwächsten Saison seit einem Jahrzehnt ist Roger Federer nur noch Außenseiter bei den Australian Open. Jetzt ist er nur die Nummer sechs der Weltrangliste - selbst in der Schweiz gerät er unter Druck.

von
Angeschlagene Legende. Roger Federer schaffte es im vergangenen Jahr in kein Grand-Slam-Finale und ist nur noch die Nummer sechs der Weltrangliste. Foto: Reuters
Angeschlagene Legende. Roger Federer schaffte es im vergangenen Jahr in kein Grand-Slam-Finale und ist nur noch die Nummer sechs...Foto: Reuters

Der Mittwochabend war eine magische Nacht für Roger Federer. Er hatte geladen zum Benefizevent seiner Foundation „Federer & Friends“ und 15 000 seiner Getreuen waren in die Rod-Laver-Arena gepilgert, nur um ihn zu sehen. Auch hier am anderen Ende der Welt lieben sie den Schweizer wie wohl keinen anderen Tennisspieler. Und Federer schien seinerseits wie beseelt davon, den Fans im Stadion und an den Bildschirmen etwas ganz Besonderes zu schenken. Doch dann war zunächst er es, dem ein unvergesslicher Moment beschert wurde.

Rod Laver, der inzwischen 75 Jahre alte australische Tennisheld, betrat unter tosendem Jubel die nach ihm benannte Arena, im wollweißen Pullunder, dazu passende Shorts mit Bügelfalte. Laver schien die guten alten Tennistage mit seinem Auftritt eingefangen zu haben. Er ist der Einzige, der gleich zweimal alle vier Grand-Slam-Turniere innerhalb eines Jahres gewinnen konnte. Federer verehrt Laver als die größte Legende dieses Sports, und noch vor sieben Jahren hatten ihn eben an dieser Stelle bei der Siegerehrung die Tränen übermannt, als dieser ihm persönlich den Pokal überreichte. Nun standen sie sich erstmals auf einem Tenniscourt gegenüber, spielten sich die Bälle zu, so als gäbe es die Gesetze von Zeit und Raum nicht für die beiden wohl besten Tennisakteure der Geschichte.

„Das war ein absoluter Traum, der wahr geworden ist“, sagte Federer. „Ich war ziemlich nervös, mein Schläger fühlte sich zentnerschwer an.“ Es war tatsächlich einer jener magischen Momente, bei dem aber auch ein bisschen Wehmut mitschwang. Denn irgendwie wurde dem Betrachter bewusst, dass beider beste Tage doch schon längst vergangen sind.

Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass Federer zum ersten Mal die Australian Open gewann. Drei weitere Titel in Down Under folgten, der letzte 2010. Nun startet der 33 Jahre alte Baseler in Melbourne bei seinem 57. Grand-Slam-Turnier in Folge, eine Serie, die kein anderer bisher erreichte. 299 Partien spielte Federer in dieser Zeit, gewann davon 260. Das ist eine sagenhafte Bilanz und nur eine von zahlreichen Bestmarken, die der 17-malige Major-Champion hält. Doch wenn er am Dienstag in der ersten Runde gegen den Australier James Duckworth antritt, können all diese Meisterstücke nicht verhindern, dass Federer im Turnier als Außenseiter an den Start gehen wird.

Nach seiner schwächsten Saison seit einem Jahrzehnt ist er nur noch die Nummer sechs der Setzliste. Bei keinem der vier Grand-Slam-Turniere schaffte es Federer im letzten Jahr ins Finale. Dennoch betonte er: „Ich bin sehr motiviert und immer noch hungrig.“ Er hat sich daran gewöhnt, sich und seine Ambitionen verteidigen zu müssen. Die großen Favoriten sind Novak Djokovic und Rafael Nadal, sie scheinen längst enteilt.

Und nicht nur sie, auch weit schwächere Gegner sind für ihn keine leichte Beute mehr. Beim Vorbereitungsturnier in Brisbane hatte er zwar das Finale erreicht, unterlag dort jedoch Lleyton Hewitt in drei Sätzen. Die Niederlage hinterließ einen etwas faden Beigeschmack, schließlich hatte der unermüdliche Australier in den letzten zehn Jahren nur eine einzige Partie gegen Federer gewinnen können. Der Baseler spielte phasenweise so desolat, dass sich Hewitt hinterher selbst wunderte. „Ich weiß, dass ich besser Tennis spielen kann“, rechtfertigte sich Federer wieder, „auf so einem schnellen Belag kann das passieren. Ich hatte dennoch eine tolle Woche in Brisbane.“

Mehr und mehr wirkt Federer wie ein angeschlagener Boxer, der verbissen kämpft und nicht aufgeben will. Unter dem neuen Trainer Stefan Edberg soll er sein Spiel umstellen, mit kürzeren Ballwechseln und Netzattacken, um den kräftezehrenden Grundlinienduellen aus dem Weg zu gehen. Der Respekt der Branche aber ist ihm immer noch sicher. Bestes Beispiel dafür ist der Kampf um die Nummer eins in der Schweiz. So scheut sich Stanislas Wawrinka, ihn verbal zu attackieren. Dabei wäre es sein gutes Recht, die zementierte Hackordnung aufzubrechen. Besonders, da er die neue Saison im indischen Chennai mit einem Titel begonnen hat. Stattdessen aber trägt Wawrinka weiterhin sein Schatten-Schicksal wie ein Mantra vor sich her. „Es ist egal, ob ich die Nummer eins oder zwei in der Schweiz bin“, erklärte Wawrinka, „ich werde mich immer wie die Nummer zwei fühlen, da Federer der beste Spieler aller Zeiten ist.“

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben