Roger Federer : „Ich kann meinem Körper vertrauen“

Tennislegende Roger Federer spricht im Interview über das Reisen mit vier Kindern, sein wiedergewonnenes Selbstbewusstsein und seinen Start in die US Open.

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Roger Federer, 33, ist mit 17 Grand-Slam-Titeln der erfolgreichste Spieler der Tennisgeschichte. Bei den am Montag beginnenden US Open, die er bislang fünf Mal gewinnen konnte, zählt er zu den Favoriten.
Roger Federer, 33, ist mit 17 Grand-Slam-Titeln der erfolgreichste Spieler der Tennisgeschichte. Bei den am Montag beginnenden US...Foto: dpa

Herr Federer, vor zehn Jahren haben Sie Ihren ersten US-Open-Titel gewonnen. Wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, dass Sie 2014 wieder zu den Favoriten gehören und mit Frau und vier Kindern unterwegs sind – was hätten Sie da gedacht?

Mir war gar nicht bewusst, dass es schon zehn Jahre her ist – das ist unglaublich. Ich bin nicht sicher, ob ich dachte, ich würde jemals die US Open gewinnen. Ganz ehrlich, nach den Junioren habe ich immer gedacht, wenn ich mal etwas gewinne, dann hoffentlich Wimbledon. Daher ist der Sieg 2004 in New York ein Riesenerfolg für mich gewesen. Das ganze Jahr eigentlich, denn ich bin auch die Nummer eins geworden und konnte das sozusagen zementieren. Ich hätte damals wohl gedacht, dass ich 2014 noch dabei sein und eine Chance auf den Pokal haben könnte. Mein Ziel war ja immer, langfristig Tennis zu spielen. Aber vier Kinder? Da hätte ich wohl gesagt, dass das eher unwahrscheinlich ist (lacht). Aber ich bin froh, dass es jetzt so ist.

Wie viele Zimmer braucht die Reisegruppe Federer eigentlich heutzutage?

Vielleicht acht ungefähr... Für das ganze Team allerdings.

Vor einem Jahr sind Sie nach einem schwierigen Saisonverlauf mit wenig Selbstvertrauen zu den US Open gereist. In diesem Jahr dürfte das anders sein, oder?

Irgendwie schon. Ich konnte die ganze Saison souverän durchspielen, habe körperlich nie einen Rückschlag erlitten und das hilft dann natürlich mental schon sehr. An meinen neuen Schläger habe ich mich sehr schnell gewöhnt, so ein Wechsel hätte ja auch Probleme mit sich bringen können. Stefan Edberg hat sich sehr gut ins Trainerteam eingefügt. Das passt wunderbar, mit ihm zusammen zu arbeiten und mit Severin Lüthi. Und ich weiß, dass ich meinem Körper vertrauen kann.

Warum war das vor einem Jahr so anders?

Ich hatte zwar trotzdem noch das Gefühl, dass vieles möglich ist. Und dass ich vielleicht das Turnier gewinnen könnte. Aber ich habe schon im Hinterkopf gewusst, dass ich dazu Glück brauche – dass gewisse Leute vorzeitig verlieren müssten und dass bei mir vielleicht doch plötzlich der Knoten platzt und ich wieder super spiele. Aber ich habe leider zu viele Niederlagen gehabt, habe generell viel zu wenige Matches gehabt, habe nicht genug trainiert und hatte zu viel Angst vor Rückschlägen. Wenn man dann alles zusammentut, merkt man, dass ich letztes Jahr nicht in Topform war. Und es ist nicht überraschend, dass ich zum Schluss so oft verloren habe.

Was ist in dieser Saison besser gelaufen?

Dass ich in Brisbane und Indian Wells Einzel und Doppel gespielt habe, hat mich extrem stark im Kopf gemacht. Im fünften Satz im Wimbledonfinale zum Beispiel hatte ich nie das Gefühl, dass ich körperlich einbrechen würde. Ich habe mich da eigentlich immer noch besser gesehen als Djokovic. Gut, am Ende hat er dann gewonnen und das muss man akzeptieren. Aber trotzdem haben mir diese Erfahrungen in den letzten Wochen sehr viel Selbstvertrauen gegeben.

Spielten Sie deshalb bei den Vorbereitungsturnieren auf die US Open wieder sicherer von der Grundlinie?

Sicherlich auch deshalb. Umso besser man sich von der Grundlinie fühlt, umso mehr kann man dann auch im Spiel von hinten bewirken. Ich will ja nicht nur Serve-and-Volley spielen, ich spiele ja auch viel Slice. Aber das habe ich im letzten Jahr gar nicht viel machen können. Ich war im Kopf gar nicht bereit, durchzuziehen und dann nachzugehen. Am Netz muss ich sehr agil und in einer sehr guten Position sein, sonst hat man keine Chance. Und das mache ich dieses Jahr gut, dass ich durchgehend ans Netz vorgehe. Da ist mir auch die Umstellung von Belag zu Belag und von Gegner zu Gegner leichter gefallen.

Nach der Finalniederlage in Wimbledon gegen Novak Djokovic waren Sie nicht sicher, ob Sie die Enttäuschung darüber ein paar Wochen später noch einmal überkommen würde. Ist das passiert?

Nein, ist es nicht. Ich muss sagen, dass es mir in Wimbledon 2008 gegen Nadal schwerer gefallen ist. Da bin ich so enttäuscht gewesen, weil ich wusste, dass ich nie wieder die Chance habe, sechs Wimbledontitel am Stück zu gewinnen. Das hat mehr an meinem Nervenkostüm gezerrt. Dann bin ich auf die Amerikatour gegangen und da waren die Reaktionen auf dieses Finale so unglaublich euphorisch, das hat mich wieder aufgerichtet. Und dieses Mal wusste ich einfach: Es ist ein super Finale gewesen, ich habe gut gespielt das ganze Turnier lang. Es war schade am Ende, aber ich spiele eine sehr gute Saison, es läuft wunderbar. Deshalb habe ich mich nicht mehr lange damit beschäftigt.

Novak Djokovic scheint nach dem Wimbledonsieg im Formtief zu stecken. Wie schätzen Sie das ein?

Ich habe wenig von ihm gesehen in den letzten zwei Wochen. Ich kann es schwer einschätzen, aber ich würde sagen, er wird hier wieder in seiner Normalform spielen. Es spielt für mich keine Rolle, wie seine Vorbereitung war. Das macht null Unterschied. Novak Djokovic wird bei den US Open so gut spielen wie immer.

Sie haben kürzlich auch bei der „Ice Bucket Challenge“ mitgemacht – wie viel Überwindung hat die Eisdusche gekostet?

Zugegeben, mir hat dabei kurz der Atem gestockt – ich bin das ja nicht gewohnt, ich gehe ja nicht mal wie viele andere ins Eisbad. Aber ich habe es gerne gemacht, mir war nur wichtig, dass es keine blöde Szenerie wird. Wir hatten ja zuletzt die Erfahrung mit Brad Drewett (ehemaliger ATP-Präsident, der an der Nervenkrankheit ALS litt und 2013 starb – Anm. der Redaktion), daher war es für mich schon eine emotionale Sache. Wichtig ist eben, dass man andere bewegt, etwas Gutes zu tun. Und nicht, dass es nur eine lustige Spaßaktion wird. Ich habe leider das Gefühl, dass es in diese Richtung abdriftet.

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