Roger Federer : Unfehlbar war gestern

Jörg Leopold über die Krise von Roger Federer, die mit dem Viertelfinal-Aus im olympischen Tennis-Turnier gegen James Blake ihren Höhepunkt findet.

Jörg Leopold

Nun also auch noch James Blake. Der Amerikaner, der bislang gegen Roger Federer in acht Duellen gerade einmal einen Satz gewinnen konnte, verlängert die Liste derer, die plötzlich keine Angst mehr vor einem Sieg gegen den großen Schweizer haben. Weg ist Federers Nimbus der Unschlagbarkeit, der Tennis-Gott ist endgültig zurück auf der Erde.

Was bei den Australian Open zu Beginn des Jahres noch ein einmaliger und zudem krankheitsbedingt erklärbarer Ausrutscher zu sein schien, hat sich über die gesamte Saison 2008 fortgesetzt. Ganze zwei Titel hat Federer in diesem Jahr geholt - bei kleinen Turnieren in Estoril und Halle. Die Liste von empfindlichen Niederlagen ist weitaus länger. Auf dem Sand von Roland Garros erteilte ihm Erzrivale Rafael Nadal die wohl traurigste Lehrstunde seiner Profi-Laufbahn. Vier Wochen später siegte der Spanier dann auch noch auf dem heiligen Rasen von Wimbledon. Ein Schlag ins Gesicht für Federer, von dem er sich bis heute nicht erholt hat.

Der Zweifel spielt mit

Auf dem Platz steht nicht mehr der Unfehlbare, der seine Gegner mit spielerischer Eleganz dominiert. Inzwischen schwingt in vielen Schlägen Zweifel mit. Die einst beste Vorhand der Welt landet immer häufiger neben, statt wie so lange zuvor genau auf der Linie. Auch taktisch offenbart der 27-Jährige gerade in seinen Begegnungen mit Nadal Schwächen. Der im April als Trainer verpflichtete José Higueras scheint Federer nicht zu erreichen und hat sich mehr oder minder als Alibi-Lösung erwiesen. Federer fällt es offenbar schwer, sich von außen Ratschläge erteilen zu lassen. Kein Wunder bei einem Profi, der so lange gewohnt war, immer alles richtig zu machen.

Am kommenden Montag übernimmt Rafael Nadal die Weltranglisten-Position eins. Nach 236 Wochen wird dann auch Schwarz auf Weiß für alle sichtbar, was sich seit Monaten abgezeichnet hat: Roger Federer ist nicht mehr der beste Tennisspieler der Welt. Die Niederlage gegen James Blake im Viertelfinale von Peking war dafür ein letzter deutlicher Beweis.

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