Sport : Rollstuhl als Thron

Bewunderung und 100 000 Euro für Ronny Ziesmer

Friedhard Teuffel

Berlin - Der Abend hätte schon viel gebracht, wenn sich Ronny Ziesmer in seinem Rollstuhl wie auf einem Thron vorgekommen wäre. So hätte er sich fühlen dürfen bei der Benefizgala für ihn in der Max-Schmeling-Halle, weil an ihm viele Bewunderer vorbeizogen und sagten, wie groß ihr Respekt vor ihm sei. Die Schwimmerin Franziska van Almsick etwa oder der Turner Fabian Hambüchen. Es ist die Bewunderung dafür, dass Ziesmer sein neues Leben angenommen hat, dass er kämpft und dass er sich mittlerweile alleine die Zähne putzen und mit Messer und Gabel essen kann. Das sind tatsächlich Höchstleistungen, nachdem sich der Turner Ziesmer am 12. Juli im Training nach einem Sprung das Rückgrat brach und seitdem querschnittgelähmt ist.

Was der Abend außer dem Respekt von prominenten Sportlern und 6000 Zuschauern gebracht hat, waren 100 000 Euro durch den Verkauf von Eintrittskarten und Spenden. Und auch die Atmosphäre der Gala dürfte ganz in Ziesmers Sinne gewesen sein. Es gab keine peinlichen Momente und auch keine Gefühlsduselei.

Das war auch Ziesmers Leistung, weil der 25 Jahre alte Deutsche Mehrkampfmeister erst gar keine bedrückende Stimmung aufkommen ließ. Ein bisschen Spannung lag nur am Anfang in der Halle, als Ziesmer seinen Rollstuhl auf die Bühne beförderte. Die Zuschauer standen auf, dann erzählte Ziesmer einfach von seinem Tagesablauf im Unfallkrankenhaus Berlin: „Vom Kopf her und von der Einstellung ist meine Therapie wie früher das Training.“ Er sei gerade dabei, das Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl zu üben, „Transfer“, nannte Ziesmer das. „Ich bin auf dem Weg, mein Leben wieder zu organisieren.“

In den ersten Minuten der Gala nahm das Turnen noch einmal Abwehrhaltung ein, und als Verteidiger kamen alte Meister wie Klaus Köste, Eberhard Gienger, Sylvio Kroll und Andreas Wecker. „Auf einmal hieß es, Turnen sei der gefährlichste Sport. Aber das ist doch jeden Tag eine andere Sportart, morgen Formel 1 und übermorgen Skifahren“, sagte Andreas Wecker, Olympiasieger am Reck von 1996. Eberhard Gienger, Weltmeister am Reck von 1974 sagte nüchtern: „Ronny hat den ungünstigsten Winkel erwischt. Wäre er eine Zehntelsekunde früher oder später auf die Matte geknallt, wäre alles nicht so schlimm gewesen.“

Das Turnen wird dennoch weiter zu Ziesmers Leben gehören. Als er zwischen seiner Freundin und Rainer Brechtken, dem Präsidenten des Deutschen Turner-Bundes, die Übungen seiner Kollegen verfolgte, schien ihm das viel Spaß zu machen. Ziesmer will weiterhin auch zur „Turnfamilie“ gehören. Für ihn haben sie auf verschiedenen Konten schon 400 000 Euro gesammelt, 100 000 kommen nach diesem Abend hinzu. Ziesmer wird das Geld brauchen für Reha-Maßnahmen, für Umbauten in seiner Wohnung und einem Auto. Und Ziesmer möchte studieren. „Es wird wohl Wirtschaft sein“, sagte Ziesmer. Damit will er sich vorbereiten auf eine Mitarbeit in seiner Stiftung, die auch anderen in Not geratenen Turnern helfen will. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck wird Ziesmer dafür einen behindertengerechtes Arbeitsplatz zur Verfügung stellen.

Am Ende der Gala wirkte Ziesmer erschöpft vom vielen Zuschauen und Erzählen, Hockey-Olympiasiegerinnen waren schließlich auch gekommen, Fußball-Weltmeisterinnen aus Potsdam und Falko Götz, Trainer von Hertha BSC, vor allem aber viele Turner aus Deutschland und dem Ausland. Sie standen am Ende alle um ihn herum. Ein Abschlussbild für den Abend, ein Gemeinschaftsbild für Ziesmer, auf wen er sich bislang alles verlassen konnte.

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