Rollstuhlbasketball : Von Körben, Rollis und Eisenstangen

Es ist Montagabend, ungefähr halb sieben Uhr. Immer mehr Rollstuhlfahrer strömen in die alte Turnhalle des Heidelberger Helmholtz-Gymnasium. Die Zweitligamannschaft der SG "Rolling Chocolate" Heidelberg-Kirchheim hat Training.

Tassilo Hummel

Ich bin mit Christa Weber, der Trainerin, verabredet. Zusammen mit ihrem Mann Klaus treffe ich sie auf dem Parkplatz. Klaus hat vor 25 Jahren beide Beine bei einem Motorradunfall verloren, sitzt seither im Rollstuhl. Nur mit seinen Armen hievt er sich aus dem Auto, holt seine Trainingstasche aus dem Kofferraum und zurrt sich im Rollstuhl fest, ohne auch nur ansatzweise angestrengt zu wirken.

Vor dem Training habe ich die Möglichkeit der Trainerin einige Fragen zu stellen. Sie ist froh darüber, dass mit mir endlich einmal "kein Redakteur vom Sozialteil der Zeitung“ sie interviewt. Oft werden ihre Spieler nämlich zu unrecht bemitleidet. "Immer wird bei uns der Sport nur im Kontext der Behinderung betrachtet", kritisiert sie. Doch Kirchheim spielt in der zweiten Bundesliga, gewann 2003 die deutsche Meisterschaft. Die Spieler sind trotzt körperlicher Einschränkungen durchtrainiert und hoch motiviert. Von Behinderung im Wortsinn ist bei der intensive Trainingseinheit, die ich später beobachten sollte, keine Spur zu sehen.

Das Basketballspielen im Rollstuhl, so erfahre ich, wurde in den USA von Veteranen des Zweiten Weltkriegs erfunden, die trotz der Kriegsverletzungen nicht auf ihr geliebtes Spiel, Basketball, verzichten wollten. Seit 1960 ist der Sport bei den paralympischen Sommerspielen vertreten, ist mittlerweile weltweit der am meisten verbreitete Mannschaftssport für Menschen mit Behinderung. Doch auch Nichtbehinderten ist es möglich, diesen Sport zu betreiben. Allerdings ist im internationalen Spitzenbereich zumindest eine Minimalbehinderung, wie ein Kreuzbandriss oder eine Fehlstellung der Wirbelsäule, notwendig um mitspielen zu dürfen.

Behinderung ist nicht gleich Behinderung

Behinderung ist allerdings nicht gleich Behinderung. Es ist ganz klar, dass jemand, der lediglich eine Beinverletzung hat, klar im Vorteil gegen jemanden ist, der unterhalb der Arme wegen seiner Lähmung keine Muskeln bewegen kann. Um diesen sportlichen Ungerechtigkeiten entgegen zu wirken, gibt es das Klassifizierungssystem: Jedem Spieler wird je nach Grad der Behinderung eine Zahl in den Spielerpass vermerkt. Minimalbehinderte und gesunde Sportler erhalten 4,5 Zähler, je stärker die Behinderung, desto niedriger wird die Zahl. Webers Mann erhält so beispielsweise drei Punkte, da er trotz fehlender Beine über vollständige Rumpf- und Armfunktionen verfügt. Spieler ohne Bein- und mit kaum noch Rumpffunktionen haben die Zahl "1" im Spielerpass. Zusammen gerechnet dürfen pro Team maximal 14,5 Zähler auf die fünf Feldspieler verteilt auf dem Spielfeld sein. Dieses Reglement garantiert also eine gewisse Fairness und gleiche Bedingungen für beide Mannschaften. Außerdem müssen auch alle Hilfsmittel wie Stabilisierungsgürtel im Spielerpass vermerkt sein. Gerade erst am Wochenende zuvor ist der zweiten Mannschaft der Kirchheimer ein klarer Sieg aberkannt worden, weil ein Spieler mit einem Gurt spielte, der nicht eingetragen war.

Die Regeln der Sportart weichen nur gering vom "Fußgängerbasketball" ab. Schrittfehler gibt es natürlich nicht, da ja keine Schritte gemacht werden. Allerdings darf man pro Dribbling nur zwei mal den Rollstuhl anschubsen, was bedeutet, dass auch im Rolli-Basketball ein gutes Ballgefühl essentiell ist, um sich schnell und sicher über das Spielfeld zu bewegen.

Doch "am wichtigsten ist die Fahrtechnik", betont Coach Weber, als ich sie frage, was ein guter Rollibasketballer mitbringen muss. Ihr Mann fahre mit dem Rollstuhl Marathonstrecken ab um zu trainieren, und als die Mannschaft im Laufe das Trainings Strafrunden fährt, staune ich nicht schlecht über das enorme Tempo, dass die Spieler an den Tag legen.

Taktisch viel mehr möglich

"Im Vergleich zum Fußgängerbasketball ist taktisch viel mehr möglich", sagt Weber. Denn während beim Fußgängersport viel von den individuellen Fertigkeiten und der Athletik des Spielers abhängt, kann man beim Rollstuhlbasketball nur als harmonische Einheit erfolgreich sein. "Ein gepasster Ball ist immer schneller als die Spieler", weiß die Trainerin. "Daher versuchen wir freie Würfe zu bekommen, indem wir unserem Gegner die Rollstühle blockieren." Indirekte Blocks sind also noch wichtiger als beim Fußgängersport.

Die Mannschaft verfügt über zahlreiche Spielsysteme, selbst in der Verteidigung ist alles wesentlich strategischer ausgerichtet. "Wir können unsere Gegenspieler nicht mehr einholen, wenn sie einmal frei stehen, deswegen müssen wir die ganze Zeit hellwach sein und gut stehen."

Mir wird am Ende meines Besuchs empfohlen den Sport zu wechseln und in Zukunft berädert auf Korbjagd zu gehen, als ich erzähle früher in der Landesauswahl Basketball gespielt, es aber nie in die Nationalmannschaft geschafft zu haben. Bei mir, meinen die Kirchheimer, würde es sogar mit der Minimalbehinderung reichen, denn auch mein Knie ist nach Jahren großer Belastung stark angeschlagen. "Und wenn das nicht reicht", fügt ein Spieler mit makabrem Humor hinzu: "dann holen wir mal wieder die Eisenstange raus."

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